Von der Nische auf den Marktplatz: Spezialräder sind gefragt

Spezialräder sollen Menschen dazu animieren, im Alter länger Rad zu fahren. Bei der Veranstaltung Stabil.mobil steht das Testen der Räder im Mittelpunkt. Die praktischen Erfahrungen sollen helfen, die Fahrzeuge gerade bei älteren Menschen noch populärer zu machen, denn es gibt immer noch Vorbehalte. Der pressedienst-fahrrad hat einen Termin vor Ort besucht.

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Schon mal Spezialrad gefahren? Noch nicht? Dann nichts wie los. Spezialräder sind eines der großen Trendthemen im Fahrradmarkt. In einer alternden Gesellschaft müssen neue Mobilitätslösungen her, damit Menschen auch im Alter oder mit einer schweren Krankheit noch mit dem Rad unterwegs sein können und so ihre Gesundheit und geistige Fitness stärken. „Die Aufgeschlossenheit für das Thema ist in den letzten Jahren spürbar mehr geworden. Viele Menschen wollen Spezialräder einfach mal ausprobieren. Und wenn es ihnen gefällt, warum sollen sie sich dann nicht eines kaufen?“, sagt Wolfram Hartmann. Der 70-Jährige beschäftigt sich schon länger mit dem Thema und betreut die Road Show „Stabil mobil“ der Initiative Cargobike.jetzt. Diese machte im Herbst 2026 an 15 Orten deutschlandweit Station, um Menschen das Thema Spezialrad näherzubringen und Testmöglichkeiten direkt vor Ort anzubieten. Die Resonanz fiel dabei regional sehr unterschiedlich aus. „Wir hatten in einer Ortschaft an einem Nachmittag einen einzigen Testfahrer, in einem anderen Ort kamen wir mit der Ausgabe der Testräder hingegen kaum hinterher“, berichtet Hartmann.

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Neumarkt ist besonders
An diesem Nachmittag ist die Road Show in Neumarkt in der Oberpfalz zu Gast. Prominent am Rathausplatz, mitten in der Fußgängerzone, bietet Stabil mobil sieben unterschiedliche Spezialräder zum Testen an. Ein ortsansässiger Spezialrad-Händler erweitert das Test-Event und stellt weitere Modelle sowie seine Expertise zur Verfügung. „Sowohl die Kooperation mit dem Händler als auch die tolle Unterstützung durch die Stadt machen den Termin immer zu etwas Besonderem“, erzählt Hartmann, der schon öfter mit der Road Show in der Oberpfälzer Kleinstadt im Nürnberger Speckgürtel gastierte. Trotz herbstlichen Wetters und kühlen Temperaturen ist das dreiköpfige Beratungsteam gut beschäftigt. Menschen mit unterschiedlichen Vorkenntnissen müssen in die Technik eingewiesen, die Sitze richtig eingestellt werden. „Bei der Testfahrt ist es wichtig, dass das Rad auch passt. Nur so kann man die Vorteile auch richtig erfahren“, erläutert Hartmann einer Testfahrerin, die mit etwas Skepsis auf die Dreiräder blickt. „Die sehen doch teilweise aus wie Rollstühle“, moniert sie. Eine Sichtweise, mit der Spezialräder noch oft zu kämpfen haben. Viele der heutigen Produkte sind jedoch Hightech-Geräte und mittlerweile auch optisch äußerst ansprechend. Die ungefähr 70-jährige Testerin gehört einer Zielgruppe an, die Stabil mobil ansprechen möchte. Eine längere, schwere Krankheit hat Spuren hinterlassen. Mangelnde Haltekräfte in den Armen und Taubheitsgefühle in den Händen machen eine Fahrt mit einem „normalen“ E-Bike aktuell unmöglich, erzählt sie. „Ich bin selbst für kurze innerstädtische Strecken auf das Auto angewiesen, möchte aber wieder mehr Rad fahren – auch, um körperlich wieder fitter zu werden. Sei es im Alltag oder auch mal eine kleine Tour“, sagt die Dame. Auf Drängen ihres Sohnes hat sie sich entschieden, die Veranstaltung in Neumarkt zu besuchen. Dafür nahm sie eine rund einstündige Anreise in Kauf. 

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Aus Skepsis wird Interesse
Hartmann setzt die Pensionistin zu Beginn auf ein Sesseldreirad „Delta tx“ des hessischen Herstellers HP Velotechnik. Aus der anfänglich vorhandenen Skepsis wird schnell lebhaftes Interesse. Wie funktioniert die Feststellbremse? Was ist eine Schiebehilfe? Wo muss man drücken, um die Unterstützungen zu steuern? Hartmann erklärt mit viel Ruhe die wichtigsten Punkte und begleitet auf den ersten Metern der Testfahrt zu Fuß, falls Probleme auftreten sollten. Was allerdings nicht passiert, weshalb die Motorunterstützung höhergeschaltet wird und die ersten längeren Runden gefahren werden. Die Reaktion: „Ich fühle mich sicher, weil ich nicht umkippen kann. Das macht richtig Spaß“, grinst die Testerin, während sie Hartmann zu einem „Easy Rider Compact“ des niederländischen Herstellers Van Raam folgt. Wie der Name sagt, ist das Bike deutlich kleiner als das Delta und soll somit für Personen mit geringer Körpergröße einfacher im Handling sein. Allerdings bereitet das kleine 16-Zoll-Vorderrad auf dem Kopfsteinpflaster des Rathausplatzes beim Fahren Probleme. „Ich fühle mich doch ein wenig unsicher und habe das Gefühl, ständig die Füße auf den Boden stellen zu müssen“, so das Urteil. Hartmann erklärt, dass man Spezialräder in der Regel individuell anpassen kann – das Angebot reicht von bequemeren Lenkerformen bis hin zu Gehstockhalterungen und einigen anderen Komponenten. „Die Menschen kommen mit unterschiedlichen Anforderungen an das Rad und können es an ihre individuellen Bedürfnisse anpassen lassen. Das schafft noch mehr Akzeptanz für das Thema. In diesem Fall müsste man klären, ob ein größeres Vorderrad eingebaut werden könnte“, analysiert Hartmann.  

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Der Rathausplatz hat sich in der Zwischenzeit gut gefüllt, die Interessent:innen sind äußerst heterogen: Eine jüngere Frau mit Rollator lässt sich intensiv über Dreiräder beraten, ein älterer Herr fährt jedes Modell Probe und ein Ehepaar, geschätzt Anfang 50, möchte Informationen und Fahreindrücke für ihre Eltern sammeln. Die Testräder sind aufgrund der hohen Nachfrage nicht alle zeitgleich verfügbar, was zu Wartezeiten führt, wenn man ein bestimmtes Modell fahren möchte. Zum Überbrücken der Zeit versucht sich unsere Testerin an einer Probefahrt mit dem Lastenrad „Thuja“ von Van Raam. „Ich wollte einfach mal ein Lastenrad ausprobieren, wenn ich schon einmal die Möglichkeit habe“, begründet sie ihre Modellwahl.

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Dreirad sorgt für Dauergrinsen
Auch andere Menschen sind von den Spezialrädern begeistert. Eine Frau mittleren Alters kommt von ihrer Testfahrt mit dem „Scorpion plus“ von HP Velotechnik zurück. „Das Rad macht richtig süchtig“, ruft sie strahlend über den Platz. Mit zwei Reifen vorne, einem hinten und einer Lenkerposition an der Seite ermöglicht das Dreirad trotz hohen Sitzes eine sportliche Fahrweise und lässt sich schnell und präzise durch Kurven steuern. Dank des erhöhten Aufbaus fällt das Einsteigen leichter, die aufrechte Sitzposition ermöglicht einen Panorama-Rundum-Blick. Man sieht der Fahrerin sichtlich an, wie viel Freude sie am Gefährt hat. Trotz der Euphorie wird regelmäßig ein Punkt angesprochen, der Hartmann sehr gut bekannt ist. „,Wo stelle ich das Rad ab?‘ ist die Frage, die wir am häufigsten hören. Nicht nur in Mietshäusern fehlt der Raum“, weiß der Experte. Zwar lassen sich manche der Modelle mit wenigen Handgriffen zusammenklappen, das sei jedoch mehr für Fahrten in den Urlaub oder zu Ausflügen als für die tägliche Nutzung gedacht, so Hartmann. Auch sei ein Senkrecht-Parken bei manchen Modellen, z. B. dem Delta tx, möglich. Dafür brauche man aber wieder mehr Kraft in den Armen, die vielen Menschen im Alter fehlt. Seine Forderung deshalb: „Vermieter und Kommunen müssen reagieren und Abstellanlagen für unterschiedliche Räder ermöglichen.“ 

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E-Kompaktbike als Alternative
Als platzsparende Alternative findet sich im Testfeld von Stabil mobil zusätzlich ein E-Kompaktbike der Kölner Fahrradmarke I:sy – eine Art Mischung aus Spezialrad und „normalem“ Bike. Das Rad rollt auf kleinen, aber breiten 20-Zoll-Rädern. Daraus resultiert im Gegensatz zu einem 28-Zoll-E-Bike ein tiefer Schwerpunkt, der das Sicherheitsgefühl erhöht. Ein tiefer Rahmendurchstieg erleichtert das Aufsteigen. Dank eines drehbaren Lenkers und einklappbarer Pedale lässt sich das Rad bei Bedarf auch in engen Hausfluren abstellen. Bei den „Skyfly“-Modellen setzt I:sy auf einen Carbonrahmen, was ein Gewicht von unter 20 Kilogramm ermöglicht. „So kann ich das Rad auch einmal über eine Bordsteinkante oder eine Treppenstufe heben“, freut sich unsere Testerin.

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Der Ausflug hat sich gelohnt
Nach rund eineinhalb Stunden intensiver Beratung mit Probefahrten steht ihr Fazit fest: „Der Ausflug hat sich definitiv gelohnt. Ich überlege mir ernsthaft, so ein Kompaktrad zu kaufen, aber mit Rücktrittbremse. Falls meine Finger beim Fahren taub werden, habe ich noch eine zusätzliche Bremsoption.“ In Zukunft sollen die Radfahrten pro Woche mit dem neuen Bike wieder stetig gesteigert werden. Ohne die Veranstaltung wäre sie nie auf die Idee gekommen, sich mit dem Kauf eines Spezialrades zu beschäftigen. Ein Umstand, den Hartmann nur zu gut kennt. Seine Idee: „Ähnlich wie beim Lastenrad-Sharing könnte man ein Leihsystem für Spezialräder anbieten. So kann man sich für ein Wochenende mal ein Rad ausleihen und die Vorteile erfahren.“ 
Autor: Thomas Geisler

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