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Typenkunde – Mountainbike
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Vom Alleskönner zum Spezialisten

Das Mountainbike hat fast jeder Fahrradgattung Impulse gegeben und der Branche einen riesigen Aufschwung beschert. Es wird als Technikwunder bestaunt und als Alleskönner geliebt, dabei aber nicht immer seiner wahren Bestimmung zugeführt – viele Mountainbikes sind in unterschiedlichen Umbaustufen als Stadträder unterwegs.
Immerhin ist das Grundprinzip leicht zu definieren: Ein Mountainbike verfügt über breite, grobstollige Bereifung, ist üblicherweise mit einer Federgabel ausgestattet oder gar vollgefedert und von robuster Machart. Aufgabe der Federung ist es, auch in anspruchsvollen Geländepassagen stets für Traktion zu sorgen. Als Rahmenmaterial sind Aluminium und Carbon am häufigsten anzutreffen, aber auch Stahl und Titan haben nach wie vor ihre Fans. Jedes Material hat dabei seine spezifischen Vor- und Nachteile.

Wurden Mountainbikes in früherer Zeit gern über die Anzahl der Gänge definiert, ist heute weniger oft mehr. Die bis in die späten Neunzigerjahre gängige Kombination von drei Kettenblättern an der Kurbel mit bis zu neun Ritzeln am Heck ist immer häufiger Zehn- und Elffach-Antrieben mit einem oder maximal zwei Kettenblättern an der Front und damit einer einfacheren Schaltfolge gewichen. In ihrer Kapazität gewachsene Ritzelkassetten kompensieren dabei den Verlust an Übersetzungsbandbreite. Jüngst macht die Kombination von sogar zwölf Ritzeln und einem Kettenblatt Furore. Alternative Schaltungskonzepte sind seit jeher Gegenstand von Weiterentwicklung, aktuell haben Zentralgetriebe einigen Rückenwind.
Verzögert wird am zeitgemäßen Mountainbike ausschließlich mit Scheibenbremsen, die V-Brakes oder hydraulischen Felgenbremsen der frühen Jahre sind dieser standfesteren und witterungsunabhängigeren Technologie gewichen. Die Breite der Lenker wuchs in den letzten Jahren, sie liegt heute meist zwischen 71 und 76 Zentimetern, bei Bikes fürs ganz grobe Gelände sogar bei bis zu 80 Zentimeter. Im Gegenzug wurden die Lenkervorbauten immer kürzer – von einst bis zu 150 zu heute nicht selten 35 Millimetern. Licht, Schutzbleche und Gepäckträger fehlen. In den vergangenen Jahren viel diskutiert, haben sich bei Neurädern die Laufradgrößen 27,5 und 29 Zoll durchgesetzt. Im Vergleich zu den früher üblichen 26-Zöllern bieten sie ein besseres Überrollverhalten und mehr Traktion. Laufräder mit 26 Zoll Felgendurchmesser finden sich heute vor allem an Jugend- und Einsteigerrädern sowie an Fatbikes.
Gegenstand der jüngsten MTB-Entwicklung sind vor allem die Reifen in sogenannten Plus-Größen, die durch ihre größere Breite ein „Plus an Traktion, Komfort und Sicherheit bieten und so für viele Mountainbiker interessant sein können“, wie Doris Klytta vom Reifenspezialisten Schwalbe hervorhebt. Vor allem die Spielart B-plus, also 27,5 Zoll Laufraddurchmesser bei Reifenbreiten bis 3 Zoll, scheint aktuell gekommen, um zu bleiben.
Zu den derzeit heißen Themen bei Mountainbikes gehört zum einen die Rahmen-Geometrie. „Es gibt mehr und mehr Räder mit längerem Radstand und flacherem Lenkwinkel“, beschreibt Elmar Keineke vom Komponentenhersteller Sram die Entwicklungen. Zum anderen werden MTBs mit Elektrounterstützung immer beliebter und spalten die Gemeinde.
Abseits davon hat sich ein breites Feld unterschiedlicher Bikes etabliert. „In den vergangenen 20 Jahren hat sich eine Vielzahl von Unterkategorien gebildet, die auf den Einsatz bei ganz bestimmten sportlichen Disziplinen abgestimmt sind“, bemerkt Christian Malik, Produktentwickler beim Schweinfurter Hersteller Haibike. Hier eine kleine Übersicht über die meistverbreiteten Spielarten des Geländefahrrads.

1. Einsteiger-MTB

In der Basiskategorie der Gattung finden sich einfache bis mittelklassige, meist nur vorne gefederte Modelle („Hardtail“), die im Fachhandel ab etwa 700 Euro angeboten werden. Die Sitzposition ist eher aufrecht, die Rahmengeometrie auf guten Geradeauslauf und leichte Beherrschbarkeit ausgelegt. Der Federweg der Gabel beträgt in der Regel um 100 Millimeter. Gute Einsteigermodelle wie das „7 Sixty“ oder „Nine 60“ von Felt (je 749 Euro) wiegen um die 13 Kilogramm und verfügen bereits über eine einstellbare Federgabel sowie hydraulische Scheibenbremsen. Vollgefederte Exemplare sind in dieser Kategorie jeweils mindestens ein Drittel teurer. Die günstigen Varianten haben simple Federungskonzepte, die mitunter deutliche funktionelle Nachteile aufweisen. Ein Gewicht von über 15 Kilogramm ist dabei keine Seltenheit.

2. Cross-Country, Race, Marathon

Hier finden sich Bikes für anspruchsvollere Sportler oder den Renneinsatz. MTBs dieser Klasse sind durchweg besser ausgestattet, leichter und teurer. Das ist verständlich, umfasst ihr Einsatzzweck doch alles vom Gelände-Radrennen bis hin zur Alpenüberquerung. Cross-Country-Fahrer bevorzugen eine sportlich-gestreckte Haltung auf dem Rad und sind gern auf leichten Hardtails unterwegs (z. T. deutlich unter zehn Kilogramm), die auf hochwertigen Aluminium- oder Carbonrahmen mit agiler Geometrie basieren. Der Gabelfederweg beträgt 80 bis maximal 120 Millimeter. In diesem Segment haben sich die 29-Zoll-Laufräder voll etabliert (z. B. am Haibike „Greed HardNine“, ab 1.599 Euro).
Die Langstreckenfahrer der Disziplin Marathon dagegen schätzen den Komfort der Vollfederung („Fully“). Hier sind 90 bis 120 Millimeter Federweg an Front und Heck die Regel; durchdachte Hinterbausysteme unterbinden unerwünschte Einflüsse des Antriebs auf die Federung. (Beispiel: Felt „Edict“, ab 2.899 Euro). Egal ob Hardtail oder Fully: Olympia-taugliche Boliden mit geringstmöglichem Gewicht und optimierter Ausstattung durchbrechen – ähnlich wie im Rennradbereich – leicht die Preisschallmauer von 5.000 Euro, sind dafür aber auch Kleinodien perfekter Ingenieurskunst.
Ein Sonderfall der Gattung Cross-Country ist die ständig wachsende Zahl an sogenannten Self-Support-Formaten. Ausgehend von den Vereinigten Staaten, etabliert sich auch in Europa eine immer stärkere Szene von Abenteuerradlern, die lange Strecken im Gelände ohne äußere Unterstützung zurücklegen – sei es in Rennformaten wie der berühmten Tour Divide entlang des Hauptkamms der Rocky Mountains durch Nordamerika, auf der Grenzsteintrophy entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze oder gänzlich ohne Ambitionen auf Zeiten und Platzierungen bei der Disziplin des sogenannten Bikepacking. Die Anforderungen an das Rad sind dabei immer dieselben: Es muss Platz genug für das Gepäck bieten, das in speziellen Taschen im Rahmen, am Lenker und der Sattelstütze verstaut wird. Zudem muss es absolut zuverlässig unter Schwerstbedingungen funktionieren. Selfsupporter setzen deshalb oft auf ungefederte Mountainbikes und nicht selten auf wartungsarme Naben- oder Zentralgetriebe mit Zahnriemenantrieb als Alternative zur klassischen Kettenschaltung. Ein typischer Vertreter dieser Zunft ist etwa das „Revelstoke“ von Van Nicholas (Rahmenset ab 2.049 Euro, Komplettrad ab 3.947 Euro), dessen Titanrahmen besonders langlebig und unempfindlich ist und das den Verzicht auf eine Federung durch die neue B-plus-Bereifung kompensiert.

3. All Mountain, Enduro

Einfach ausgedrückt, ist ein All-Mountain-Bike der Alleskönner: tourentauglich, mit aufrechterer Sitzposition, vollgefedert und dabei mit größeren Reserven in Sachen Federweg (130 bis 150 Millimeter) als Marathon-Bikes. Effizient genug für die Hausrunde und potent genug für den gelegentlichen Ausflug in die Alpen – so lässt sich das Anforderungsprofil für ein modernes All-Mountain-Bike beschreiben. Nicht mehr wegzudenken aus dieser Radkategorie sind inzwischen während der Fahrt verstellbare Sattelstützen wie die Rock Shox „Reverb Stealth“: Mit ihrer Hilfe lässt sich der Sattel für technisch anspruchsvolle Passagen versenken – und genauso schnell wieder auf die hohe Position zum Pedalieren ausfahren. Das geht per Daumenschalter, ohne also eine Hand vom Lenker zu nehmen.
Ein typisches Beispiel dieser Gattung mit Aluminiumrahmen ist das „Ion-G13“ der niedersächsischen Manufaktur Nicolai, das für 29-Zoll-Räder gemacht ist und ab 2.199 Euro (Rahmenpreis) zu haben ist.
Der Verbundwerkstoff Carbon hält auch in dieser Bike-Kategorie zunehmend Einzug und ermöglicht immer leichtere Räder. So bringt beispielsweise Felts Modell „Decree 40“ mit der günstigsten Ausstattung (3.799 Euro) unter 13 Kilogramm auf die Waage, während das Top-Modell Felt „Decree FRD“ sogar unter elf Kilogramm anzeigt – allerdings auch zum Preis von 9.999 Euro.

Fullys der Gattung Enduro verbinden den Vielseitigkeitsgedanken des All-Mountain-Bikes mit den Anforderungen einer noch jungen, aber hochdynamischen Renndisziplin, eben dem Enduro-Rennen. Hier werden auf meist natürlichen, allerdings fahrtechnisch extrem anspruchsvollen Strecken einzelne Wertungsprüfungen gegen die Uhr gefahren, um anschließend auf ungezeiteten Überführungsetappen in Richtung der nächsten Wertungsprüfung zu pedalieren. Solche Veranstaltungen erstrecken sich oft über das gesamte Wochenende und verlangen ihren Teilnehmern ganze Tage im Sattel ab. Noch wichtiger als beim All-Mountain werden folglich die Robustheit der Fahrräder und ihrer Komponenten sowie die Fähigkeit, auch schwierigste Passagen gleichzeitig sicher und schnell zu bewältigen. Die Federwege wachsen auf 160 bis 180 Millimeter, wie bei Haibikes „Seet Nduro 7.0“ (2.999 Euro). Technisches Neuland betritt seit dem Herbst 2015 Nicolai mit dem „Ion GPI“, dem nach Aussage der Niedersachsen weltweit ersten vollgefederten Mountainbike mit zentralem Rahmengetriebe von Pinion und wartungsarmem Gates-Carbonriemenantrieb (Rahmenset inkl. Dämpfer und Antrieb ab 4.598 Euro, Komplettrad ab 7.399 Euro).

4. Freeride, Downhill

Rasante Abfahrten und spektakuläre Sprünge zeichnen das Freeriden wie den Downhill-Sport gleichermaßen aus. Als Wettkampfdisziplin Downhill im Kampf um Tausendstelsekunden und gegen die Uhr, beim Freeriden als ständige Suche nach dem fahrerisch Möglichen. Gefahren wird bei dieser Spielart des Mountainbikens – ähnlich wie im Skizirkus – bergab. Bergauf geht es entweder mit dem Lift oder per Shuttle-Fahrzeug. Das Material dafür: superstabile, vollgefederte Bikes mit langen Federwegen um 200 Millimeter.
Ein beispielhafter Vertreter ist das Haibike „Seet Dwnhll 9.0“ (3.699 Euro): Es hat 27,5-Zoll-Laufräder und wiegt etwa 16,5 Kilogramm, was in der Klasse ziemlich leicht ist. Zudem bringt es 200 Millimeter Federweg an der flach angestellten Gabel mit und ebenso am Hinterbau, ein einzelnes Kettenblatt mit zehn Gängen am Hinterrad, 203-Millimeter-Scheibenbremsen und 2,35 Zoll breite Reifen mit.
Für individuelle Aufbauten bietet Nicolai sein „Ion-G19“ als Rahmenset an (ab 2.499 Euro). Das Rad verfügt über 190 Millimeter Federweg und ist ebenfalls für 27,5-Zoll-Räder ausgelegt.

5. Dirtbikes/Dualbikes

Eng miteinander verwandt sind diese Spielarten des Mountainbikes, dabei sind ihre Einsatzzwecke recht unterschiedlich. Dirtbikes werden vorwiegend für kunstvolle Sprünge über künstlich geschaffene Hügel verwendet. Eine Besonderheit ist die Disziplin Pumptrack, bei der kleine, wellige Rundkurse möglichst ohne Treten absolviert werden („pumpen“).
Dualbikes indes setzt man für Wettbewerbe ein, bei denen auf einer abschüssigen, mit Sprüngen und Steilkurven versehenen Strecke entweder zwei (Dual Slalom), vier (Fourcross/4X) oder acht Starter (Biker Cross) gegeneinander antreten – ähnlich wie beim BMX. Typische Merkmale: kleiner, kompakter Hardtail- oder Fully-Rahmen, sehr robuste Bauweise, geringe Federwege um 100 Millimeter, oft ohne Schaltung und nur mit Hinterradbremse.

Weitere Arten und Einflüsse

Vom Mountainbike kommend, hat sich das Fatbike mittlerweile als eigene Radgattung etabliert. Teils mit MTB-Technik ausgestattet sind auch Trekking- und Reiseräder. Für diese Arten haben wir eigene Typenkunden angelegt.

Elektrifizierung

Ausgehend vom Touren-Mountainbike werden (mit Ausnahme der Dirt- und Dualbikes) mittlerweile alle hier genannten Spielarten des Mountainbikes auch elektrisch angeboten. Das gilt für gewichtsoptimierte Marathon-Fullys wie das Haibike „Xduro Fullseven Carbon Ultimate“ (14.999 Euro in der 17,2 kg leichten Topversion) über Enduro-E-Mountainbikes wie das Flyer „Uproc7“ (ab 4.699 Euro mit Zwei-Gang-Getriebe im Motor) bis hin zum elektrifizierten Downhill-Boliden von Haibike namens „Xduro Dwnhll 9.0“ für 7.999 Euro. Die Beschreibungen der einzelnen Mountainbike-Gattungen sind dabei direkt auf die motorisierten Geschwister übertragbar. Mehr Hintergrundwissen über die Funktionsweise von Elektrorädern bietet unsere Typenkunde E-Bike.

Sie wollen das Thema vertiefen? Weitere Informationen und aktuelle Artikel finden Sie in unserem Themenblatt Mountainbike.


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