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„Die Förderung des Radfahrens darf nicht am Waldrand enden!“
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Mittwoch, 24. Januar 2024

Nach fast 50 Jahren soll das Bundeswaldgesetz geändert werden. Der im Vorfeld durchgesickerte Entwurf wirft allerdings Fragen auf – insbesondere bei Vertreter:innen der Fahrradbranche. Diese suchen den Dialog mit der Politik und luden zur Diskussionsrunde ein. Der pressedienst-fahrrad war vor Ort.

Ein Ende November 2023 durchgesickerter Referent:innen-Entwurf zur Novellierung des Bundeswaldgesetzes (BWaldG) schürt Befürchtungen in der deutschen Fahrradwelt. Die Nutzung von Wald- und Forstwegen mit dem Fahrrad könnte im Extremfall hierzulande substanziell eingeschränkt oder durch einen Flickenteppich unterschiedlicher Ge- und Verbote behindert werden, so wie es im Nachbarland Österreich der Fall ist. Das Bike Nature Movement (BNM), bestehend aus dem Zweirad-Industrie-Verband (ZIV), der Deutschen Initiative Mountainbike e. V. (DIMB) und dem Mountainbike-Tourismusforum (MTF) lud deshalb unter dem Titel „Sport, Naherholung und Gesundheitsprävention: Radfahren und Mountainbiken in Wald und Natur“ zum Dialog mit der Politik im Rahmen eines parlamentarischen Abends in Berlin.

Negative Folgen für Radnutzung abwenden
Der Entwurf des Gesetzes könnte die Bewegungsfreiheit und Erholung im Wald stark einschränken, insbesondere die Benutzung von Waldwegen für Radfahrende. Die Sorge vor den möglichen negativen Folgen habe das BNM motiviert, bereits sehr früh im Gesetzgebungsverfahren aktiv den Dialog mit der Politik zu suchen, betonte ZIV-Geschäftsführer Burkhard Stork in seinem Eingangsstatement: „Wir befürchten das Ende des Radfahrens im Wald, wie wir es kennen, wenn der aktuelle Entwurf von Landwirtschaftsminister Özdemir nicht an entscheidenden Punkten verändert wird.“ Co-Gastgeberin Sonja Schreiter, Fachberatungs-Leiterin bei der DIMB, verwies auf die positiven Effekte der Waldnutzung für Umweltbildung und Naturverbundenheit der Nutzer:innen und stellte heraus, dass gerade, wer viel in der Natur unterwegs sei, sich besonders für deren Erhalt einsetze. Mitveranstalter und MTF- Geschäftsführer Nico Graaff hob in seiner Stellungnahme u. a. den wirtschaftlichen und touristischen Nutzen des Radfahrens in der Natur, besonders in ländlichen Regionen, hervor.

Radfahren auf Rezept
Wie komplex und facettenreich das Thema ist, zeigten die anschließenden Beiträge aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Prof. Dr. med. Swen Malte John von der Universität Osnabrück warnte eindringlich vor einer Gesundheitskrise durch Bewegungsmangel und zu wenig Aufenthalt im Freien. Radfahren in der Natur sei so gut für die Gesundheit, „das müsste es eigentlich auf Rezept geben.“ Robert-Martin Montag, Generalsekretär der FDP Thüringen und MdL, wünschte sich eine Freiheits- statt einer Verbotskultur, die die Erholungsfunktion des Waldes nicht vernachlässigen dürfe. „Die Förderung des Radfahrens darf nicht am Waldrand enden!“, forderte Claus Fleischer, ZIV-Vorstandsmitglied und Geschäftsleiter von Bosch-E‑Bike-Systems, von der Politik und zeigte sich gleichzeitig überzeugt, dass die Veranstaltung ein guter Auftakt für eine produktive und lösungsorientierte Diskussion sei.

Lösungsorientierte Debatte
Die folgende Diskussionsrunde war vor allem von großer Dialogbereitschaft geprägt. Einen Flickenteppich unterschiedlichster Regelungen auf Landes- oder kommunaler Ebene oder je nach Besitzverhältnissen dürfe es nicht geben, mahnte Christian Tänzler, aus dem Bundesvorstand des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs e. V. (ADFC), und stellte erneut die Bedeutung von Wald- und Feldwegen für den Radtourismus heraus. Stork wiederum betonte, dass es in der Debatte nicht ausschließlich um den Mountainbike-Sport, sondern auch und besonders um die alltägliche Radnutzung auf Wald- und Wirtschaftswegen, etwa auf dem Schul- oder Arbeitsweg gehe, und mahnte Rechtssicherheit für Radfahrende an. Dem schloss sich Schreiter an, die die positiven Aspekte des Geländeradsports betonte, und forderte, die Erholungsfunktion des Waldes solle auch weiterhin eine der drei wesentlichen Säulen des Bundeswaldgesetzes bleiben. Kerstin Vieregge (CDU), Mitglied des Bundestags und des Tourismus-Ausschusses, kündigte an, sich mit ihrer Fraktion für das „freie Betretungsrecht“ des Waldes einzusetzen. Christian Raupach, Geschäftsführender Direktor des Hessischen Waldbesitzerverbandes, war in dieser Hinsicht zurückhaltender. Er erinnerte an die Belastung der Waldbesitzenden durch Klimawandel sowie Trockenschäden und äußerte die Sorge, sie könnten mit immer mehr Erholungssuchenden im Wald ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen. Raupach formulierte die klare Erwartung an die Regierung, die Belange der Eigentümer:innen in den Mittelpunkt der Novellierung zu stellen und die Freiheit des Eigentums zu schützen, stellte die Nutzung von Waldwegen durch Radfahrende aber ausdrücklich nicht in Frage.

 

Kommentar von pd-f-Redakteur Arne Bischoff

Der arme Wald. So viele Anforderungen werden an ihn gestellt. Auch durch die Novellierung des fast 50 Jahre alten Bundeswaldgesetzes. Er soll der Wirtschaft dienen, der Erholung der Menschen und auch noch eine sogenannte Ökosystemleistung erbringen – und das alles in Zeiten von Klimakrise, Extremwetterereignissen, Trockenschäden etc.: Wälder, wie andere Naturräume, binden klimaschädliches CO2, reinigen die Luft, bilden Sauerstoff, senken Temperaturen und beeinflussen das Klima. Wir brauchen sie!

Mann mit Mütze im PorträtMit den Anforderungen entstehen Interessen und damit Gruppen, die diese Interessen vertreten. Erholungssuchende, Waldwirtschaft, Naturschutz. All diese Gruppen eint der grundsätzliche Wunsch, den Wald bestmöglich zu erhalten und zu schützen. Das ist, bei allen Fragen, die sich im Detail ergeben, eine hervorragende Basis für einen gelungenen und lösungsorientierten Dialog. Ich bin froh, dass das BNM mit breiter Unterstützung aus der Fahrradwelt einen gelungenen Auftakt zu diesem Dialog gemacht hat. Unnötige Konfrontation und konstruierte Feindbilder, wie sie teilweise die öffentliche Wahrnehmung mitbestimmen, bringen niemanden weiter.

Arne Bischoff | pressedienst-fahrrad

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