32 Zoll: Was bringt die neue Laufradgröße?
Die Vorteile von 32-Zoll-Bikes
Die größeren Laufräder bieten ein besseres Überrollverhalten und einen besseren Grip der Reifen in Kurven. Hinzu kommt ein geringerer Rollwiderstand. „In Summe bedeutet das: Man verliert weniger Geschwindigkeit beim Überfahren von Hindernissen und ist somit schneller“, erklärt Robert Mennen, Produktmanager beim Reifenhersteller Schwalbe. Tobias Stahl, Redakteur beim Fachportal MTB-News, berichtet von seiner ersten Testfahrt: „Es ist spannend, wie viel mehr Sicherheit das große Laufrad gibt. Beim Bremsen ist die bessere Traktion deutlich spürbar. Dazu bleibt das Hinterrad konstant am Boden. Man hat nicht das Gefühl, über den Lenker zu kippen.“ Als Manko wird das höhere Gewicht der Reifen genannt und eine gewisse Trägheit bei der Beschleunigung, die über längere Strecken allerdings zu vernachlässigen sei.
Zum Hintergrund:
Zu Beginn der Mountainbike-Entwicklung vor ca. 40 Jahren war 26 Zoll das Maß der Dinge. Die Räder zeichneten sich durch ein agiles, wendiges Fahrverhalten aus. Die Laufradgröße war über Jahrzehnte gesetzt, bis rund um die Jahrtausendwende die ersten Mountainbikes mit 29-Zoll-Laufrädern auf den Markt kamen. Diese punkteten durch Verbesserungen bei Überrollfähigkeit, Laufruhe sowie Rollkomfort und spielten ihre Stärken auf Trails und Waldwegen aus. Es dauerte allerdings bis ca. 2010, bis die Räder eine breite Akzeptanz erfuhren. Es mussten erst mal die Rahmengeometrien und Federgabeln auf die großen Laufräder abgestimmt werden. Als Zwischengröße kamen zusätzlich 27,5‑Zöller auf den Markt, die im Vergleich zu den 26ern ein besseres Überrollverhalten aufweisen und zugleich von vielen Menschen als wendiger als 29er wahrgenommen werden. Außerdem sind sie für kleinere Rahmengrößen praktischer als die großen 29er. Aktuell haben sich dennoch 29-Zöller als Standard durchgesetzt und sind besonders in den MTB-Disziplinen von Cross-Country über Trail und All-Mountain bis Enduro vorherrschend. Im abfahrtsorientierten Downhill- und Freeride-Bereich sind auch 27,5‑Zöller zu finden. Eine Spielart ist der sogenannte Mullet-Aufbau mit 29 Zoll vorne und 27,5 Zoll am Hinterrad. 26-Zöller sind an Neurädern mittlerweile vom Markt verdrängt bzw. nur noch in Nischen gefragt.
Für welchen Einsatzzweck eignet sich 32 Zoll?
Für Entwickler:innen problematisch ist, dass 32-Zoll-Hinterräder viel Platz benötigen. Sollen die Kettenstreben nicht stark in der Länge wachsen, ist ein ausgeklügeltes Federungskonzept nötig, damit ein einfederndes Hinterrad nicht dazu führt, dass das Rad an den Rahmen schlägt. Trotz dieser Herausforderung waren die ersten präsentierten 32-Zoll Mountainbikes nahezu ausnahmslos vollgefedert, sogenannte „Fullys“. Genau solche vollgefederten 32-Zöller wurden auch im Cross-Country-Weltcup erprobt. Mountainbike-Experte Arne Bischoff vom pressedienst-fahrrad sieht hier einen allgemeinen Markttrend: „Das Fully dominiert wegen seiner Fahreigenschaften die MTB-Welt. Hardtail-Marktanteile wurden stark vom Gravelbike übernommen. Das gilt auch für 32 Zoll, auch wenn gerade Hardtail-Mountainbikes von den besseren Abrolleigenschaften der größeren Räder profitieren würden.“ Gravelbikes werden in Zukunft ebenso von den Potenzialen der größeren Räder profitieren. Die Reifen können hier sowohl auf den technischen Passagen über Wurzeln und Steine punkten als auch bei längeren Fahrten auf Wald- und Wiesenwegen oder Schotterpassagen. Schwalbe stellte beispielsweise jüngst seinen ersten 32-Zoll-Reifen für Gravelbikes vor. „Bei Gravelbikes sind die Vorteile ganz klar. Da testen wir intensiv“, verrät Mennen.
Gibt es bald auch E-Bikes mit 32 Zoll?
Aufgrund des integrierten Motors und Akkus sind die Rahmengeometrien bei E‑Bikes, insbesondere E‑Mountainbikes, bereits äußerst ausgereizt. Eine komplette neue Rahmenentwicklung für 32-Zoll-Räder kann deshalb schnell an Grenzen stoßen, wenn es um eine fahrdynamisch sinnvolle Integration der Antriebskomponenten und die Reifenfreiheit für 32-Zoll-Räder geht – gerade bei kleinen Rahmengrößen. Außerdem weiß Robert Mennen: „Bei E‑Bikes sind die Vorteile der größeren Laufräder nicht so spürbar wie bei Bio-Bikes.“ Gunnar Fehlau, Geschäftsführer des pressedienst-fahrrad, meint deshalb: „Im E‑Bike-Bereich kann ein Mullet-Aufbau interessant sein: vorne 32 Zoll, hinten 29 Zoll.“
Für welche Zielgruppen sind 32 Zoll sinnvoll?
„Für Menschen mit Körpergröße von über 1,90 Metern können 32-Zoll-Räder zu einem Gamechanger werden“, sagt Tobias Stahl. Aber auch kleinere Personen können von den Vorteilen profitieren, da die Räder ein großes, abwechslungsreiches Einsatzgebiet bieten, was bereits die Verwendung am Gravel- und Mountainbike zeigt. Für Mountainbike-Einsteiger:innen interessant: Die Räder sollen selbst in technisch anspruchsvollem Gelände einfach zu fahren sein.
Welches Verkaufspotenzial hat 32 Zoll?
In den letzten Jahren stand die Elektrifizierung des Mountainbikes im Mittelpunkt. Innovationen für Mountainbiker:innen, die auf einen Motor verzichten, gab es kaum. 32 Zoll kann das ändern und neue Kaufanreize bieten. „Der Verkauf bei Mountainbikes ist zwar elektrifiziert, aber die Nutzung ist es nicht. Für diese Gruppe, die seit Jahren auf Neuheiten wartet, kann 32 Zoll spannend werden“, weiß Fehlau. Für Selbstschrauber:innen und Hobbybastler:innen, die den Trend einmal an ihrem eigenen Rad ausprobieren wollen, ist das Thema hingegen schwer umzusetzen. Neben den neuen Reifen und Laufrädern braucht es eine neue Gabel und einen neuen Rahmen – und das wird schnell kostspielig.
Ab wann sind die Räder marktreif?
Seit Herbst 2025 rollen die ersten Mountainbikes auf 32 Zoll an. Die Innovation beginnt bei kleineren Herstellern im Premiumbereich. Das Problem: Im Fahrradmarkt gibt es immer noch hohe Lagerbestände, weshalb Hersteller mit Martkteinführungen aktuell noch sehr zurückhaltend sind. Dazu kommen die Kosten für neue Produktionsmittel wie Werkzeuge, was die Herstellung von 32-Zoll-Bikes aktuell teuer macht. Die Expert:innen gehen allerdings davon aus, dass ab Mitte 2027 32-Zoll-Bikes im Massenmarkt ankommen werden.
Welche Nachteile kann es geben?
Durch die rund zehn Prozent größeren Räder, verbunden mit einem größeren Rahmen, wird ein Fahrrad deutlich länger. Das kann relevant beim Transport am Heckträger eines Autos werden, da das Rad an den Seiten überstehen wird. Auch passende Kartons zum Versand oder für Flugreisen sind anfänglich schwer zu finden bzw. können die Sperrgepäckmaße überschreiten.
Zusammenfassung: ein Trend oder ein kurzes Highlight?
„32 Zoll bietet messbare Vorteile. Wir kommen nicht mehr dran vorbei“, sagt Robert Mennen. Und Tobias Stahl ergänzt: „Medial erfährt das Thema gerade viel Aufmerksamkeit, hat aber noch wenig Substanz.“ Der endgültige Durchbruch im Massenmarkt werde noch etwas brauchen, aber dann könnten 32 Zoll zu einem richtigen Trend werden. Für Gunnar Fehlau ist es aber nicht die Laufradgröße, die alle Vorteile vereint und abdeckt, sondern er erkennt „eine sinnvolle Erweiterung des bestehenden Angebots“. Profitieren können davon die Radfahrenden, die aus einer größeren Auswahl ein passendes Fahrrad finden, mit dem sie Spaß haben.








