Mountainbike-Kultur auf der Schwäbischen Alb
„Neue Horizonte“ – das war der Titel des neunten Mountainbike-Kongresses, der Mitte Juni in Aalen stattfand. Hier ging es nicht um die neuesten Mountainbikes, Laufradgrößen, Federelemente, Reifen oder Unterstützungsmotoren, sondern darum, wo und wie all die moderne Technik entsprechend genutzt werden kann. Etwa 140 Menschen kamen in die beschauliche Stadt am Rand der Schwäbischen Alb, um sich mit der Zukunft des Mountainbikens in Deutschland zu beschäftigen bzw. mit den dafür nötigen Rahmenbedingungen. Wo frühere Ausgaben der Veranstaltung noch den Tourismus im Namen trugen, sollte der Horizont dieses Jahr weiter in Richtung Ehrenamt und die MTB-Community geschoben werden. Das wurde schon am Tag vorm Beginn des eigentlichen Kongresses deutlich, als beim Programmpunkt „Fachexkursion“ die lokale Vereinsarbeit in den Mittelpunkt rückte.
Eine Exkursion in die Vereinsarbeit
Früh Angereiste konnten sich bei einer geführten Ausfahrt am Dienstagnachmittag die örtlichen Mountainbike-Trails zeigen lassen. Eine recht große Gruppe, bunt gemischt von erfahrenen Biker:innen bis zu kompletten Neulingen auf dem MTB, rollte von Aalen aus nach Osten und schraubte sich auf Asphalt und Schotterpiste die Alb hinauf. Nach gut 250 Höhenmetern mit teils tollem Panorama über die Stadt und die Ostalb tauchten die ersten Trails auf. Alle konnten erste Eindrücke sammeln, bevor an einem Trail-Einstieg die Bikes beiseitegestellt wurden, um den Trail bei einer Begehung zu Fuß genauer zu betrachtet.
Linus Ott und Tim Schuberth vom Verein Trailmanufaktur Ostalb e. V. erklärten an einem frischen Beispiel anschaulich, wie die Wege vor Ort geplant und gebaut werden. Der Aufwand, der dahintersteckt, wurde hier im Wald so greifbar, wie ihn keine Präsentation vom Beamer vermitteln könnte. Mitglieder anderer Vereine ließen sich inspirieren und Praxisfragen beantworten. Sofern sie sich dessen nicht schon vorher bewusst waren, bekamen Touristiker:innen und Interessenvertreter:innen aus Forst und Verwaltung einen Einblick, warum MTB-Trails auf bestimmte Art und Weise gestaltet sind und was Ehrenamtliche mitunter leisten. Eine wertvolle Einordnung, denn unzählige Projekte, in denen legale Trails entstehen und unterhalten werden, werden in Deutschland von Vereinen getragen.
Die Exkursion war ein gelungener Prolog zum eigentlichen Kongress. Nicht nur, weil die Aalener Trails Lust auf mehr gemacht haben und ein Nachmittag auf dem Bike immer eine gute Sache ist. Zusammen zu biken, bot auch eine super Gelegenheit, mit wildfremden Menschen (und einigen bekannten Gesichtern) ins Gespräch zu kommen. Gemeinsame Erlebnisse erleichtern es, später die Perspektive der anderen anzunehmen, auch wenn es mal kontrovers wird. Mit einem Gemeinschaftserlebnis und Perspektivwechseln nahm die Fachexkursion im Wald zwei rote Fäden auf, die sich durch den Kongress ziehen sollten.
Vorträge und Panels
Am Mittwoch startete der Kongress im Kulturbahnhof Aalen – einem Ort, an dem nicht nur Kongresse stattfinden, sondern auch das Theater der Stadt Aalen und ein Kino zu Hause sind. Wo einst Lokomotiven repariert wurden, steht heute eine meterhohe Orgel im großen Veranstaltungssaal. Auf der Bühne gegenüber davon fanden nun anderthalb Tage lang Vorträge, Panels und Workshops zur Mountainbike-Kultur statt – dazwischen eine weitere Gelegenheit zum Biken und eine Preisverleihung. Große Teile des Programms drehten sich um die Qualität touristischer Angebote, aber auch um Vereinsarbeit, Genehmigungs- und Haftungsfragen sowie Betretungsrecht. Baden-Württemberg und die Schwäbische Alb standen naheliegenderweise im Fokus, wenn auch nicht exklusiv. Uschi Teufel vom gastgebenden „Schwäbische Alb Tourismusverband e. V.“ stellte gleich zu Beginn im Rahmen ihres Vortrags über die Alb die Frage, was ein gutes MTB-Konzept ausmacht. Sie merkte an, dass auch ein genehmigter Weg touristisch wirkungslos sein kann, wenn die Qualität nicht stimmt. Außerdem appellierte sie an die Anwesenden, die Akzeptanz bei anderen Interessensgruppen immer mitzudenken – etwa beim Naturschutz, Forst, Marketing-Verantwortlichen, Gästen und nicht zuletzt auch bei der MTB-Community.
Auch später beim politischen Panel ging es ums Ländle, diesmal sogar über die Schwäbische Alb hinaus. Es ist kein Geheimnis, dass Baden-Württemberg neben bundesweit bekannten Vorzeigeprojekten wie den Trails in Freiburg eines des restriktivsten Waldgesetze Deutschlands hat – bekannt für die Zwei-Meter-Regel. Wer hier legal biken will, ist umso mehr auf genehmigte Strecken angewiesen. Michael Kretzschmar vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft BW und Matthias Kiess vom Ministerium für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat BW mussten sich Kritik dafür anhören, dass es so schwierig sei, Projekte umzusetzen. Es wurde die Lücke zwischen legalen Angeboten und den Bedürfnissen der Bikenden diskutiert, seien es Touristen oder Einheimische. Janet Weick vertrat mit der Dimb IG Rems-Murr eine von 56 regionalen Interessengemeinschaften des Deutschen Interessenverbands Mountainbike e. V. Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen und Erfolge bei der Legalisierung von MTB-Trails äußerte sie Frust darüber, dass Mountainbike-Initiativen sich zu oft in der Defensive oder gar einer „Bettlerrolle“ wiederfinden, obwohl sie sich „für naturverträglichen Sport einsetzen, der zur Daseinsvorsorge beiträgt“. Ihrem Wunsch nach pragmatischerem Vorgehen bei Genehmigungen von Mountainbike-Trails und der wiederholten Nachfrage der Moderatorin Katharina „Kaddi“ Kestler, warum dem nicht nachgegangen wird, wich Kretzschmar wortreich aus. Svenja Golombek vom Zweirad-Industrie-Verband brachte das Dilemma auf den Punkt: „Wenn man dem Ehrenamt zu viele Hürden in den Weg legt, dann hat niemand was davon.“
Wertschätzung und Würdigung des Ehrenamtes
Zur Wertschätzung und Würdigung des Ehrenamtes wurden am Abend, bei typisch schwäbischen Leckereien, zum ersten Mal die Bike-Spirit-Awards verliehen. Der Mountainbike Forum Deutschland e. V. hatte im Frühjahr zu Bewerbungen in den drei Kategorien „Trailbau“, „Vielfalt“ und „Bike-Erlebnis“ aufgerufen. Die ersten beiden Kategorien waren exklusiv offen für ehrenamtliche Projekte und gemeinnützige Organisationen, mit dem Ziel, ihnen Wertschätzung entgegenzubringen und auch Sichtbarkeit zu bieten. Aus den insgesamt 49 Bewerbungen wurden in einem mehrstufigen Prozess von einer Jury und per Community-Voting die Gewinner bestimmt und in Aalen gekürt:
Kategorie Trailbau:
1. DIMB IG Rems-Murr – „Angebote vor Verbote – MTB-Trailnetz Rems-Murr“
2. Bergsportverein Weitnau e. V. – „Ein Lift für das Dorf, ein Dort für den Lift“
3. Kanu-Club Eberbach – „Bikeländ Eberbach“
Kategorie Vielfalt:
1. Erlebnisregion Schwäbischer Albtrauf e. V. – „Inklusion am Albtrauf“
2. RSC Waldkirchen – „Jugend des RSC Waldkirchen“
3. DIMB IG Fünf-Seen-Land – „Adaptive MTB-Trails ‚Würmflow‘“
Kategorie Bike-Erlebnis:
1. Mountainbikepark Pfälzerwald e. V. – „Mountainbikepark Pfälzerwald“
2. Tourismusverband Ostbayern e. V. – „Trans Bayerwald“
3. Stadt Eberbach – „Bikeländ Eberbach“
Die Gewinner der beiden Ehrenamtskategorien konnten sich neben Würdigung und Aufmerksamkeit für ihre Projekte auch über Gutscheine von Outdoor-Ausrüster Vaude und vierstellige Preisgelder freuen, die unter anderem durch die Versteigerung eines Custom-Bikes der Schirmherrin Nina Hoffmann finanziert wurden.
Um ehrenamtlich Engagierten die Teilnahme am Kongress zu ermöglichen, gab es in Kooperation mit dem Bike Nature Movement (BNM) ein limitiertes Kontingent an kostenlosen Community-Tickets.
MTB-Kultur und Diversität
Ein viel beachteter und diskutierter Programmpunkt am Donnerstag war das Panel „Kulturgut Radfahren“. Tanja Naber vom Mountainbike Freiburg e. V., Lena Fuchs vom Kraichgau-Stromberg Tourismus e. V. und Thomas Giger, Herausgeber des schweizerischen Magazins Ride MTB, diskutierten über das Selbstverständnis Mountainbikender, Identifikation, Außenwirkung, Willkommenskultur und Diversität. Zwei Frauen in der Runde zu haben, gab weitere Möglichkeiten für Perspektivwechsel, zumal beide sehr unterschiedlich viel Erfahrung auf dem MTB mitbrachten. Während Lena Fuchs mit Blick auf den Women-Ride-Out am Vortag von sich sagte, dass sie seit einem Tag Mountainbikerin sei, ist Tanja Naber seit vielen Jahren im Gelände unterwegs, teils im internationalen Profi-Feld. Und doch teilten sie am Vortag eine Begegnung, die die anwesenden Mountainbikerinnen im Saal nicht zu überraschen schien: Moderatorin Kaddi Kestler, die ebenfalls bei der Ausfahrt dabei gewesen war, berichtete von drei Männern auf Mountainbikes, von denen sich mindestens einer als Anfänger ausgegeben hatte. Sie wollten der Frauengruppe am Start eines der Aalener MTB-Trails ungefragt erklärten, dass sie jenen nicht fahren sollten oder könnten. Begegnungen wie diese tragen dazu bei, dass sich Frauen in der MTB-Community nicht auf Augenhöhe willkommen fühlen. Und auch wenn niemand eine Lösung für das Problem parat hatte: Die Absurdität und Unangemessenheit solcher Situationen wurde verdeutlicht – vor einem überwiegend männlichen Publikum. An der Stelle sei erwähnt, dass die männliche Mehrheit nicht so groß ausfiel, wie man das aus der Fahrradbranche gewohnt ist: Fast 40 Prozent der Teilnehmer:innen des Kongresses waren Frauen.
Das Panel versuchte, herauszuarbeiten, wie sich die MTB-Kultur ändern könnte und was man sich zum Beispiel vom Gravelbiken abgucken. Bei der Frage, welchen Unterschied die Bildsprache des Mountainbikens macht, gingen die Meinungen auseinander. Einig waren sich alle, dass ein stärkerer Fokus auf Gemeinschaftserlebnisse guttäte und eine Willkommenskultur aktiv gelebt und kommuniziert werden sollte.
Horizonterweiterung durch Austausch
Neue Horizonte sieht man, wenn man die Perspektive wechselt und sich in andere hineinversetzt. Dazu bot der Kongress in Aalen reichlich Gelegenheiten – bei Vorträgen, Workshops und Panels, beim Netzwerken in den Pausen und am Abend und beim Biken auf den Trails. Natürlich konnten weder alle Probleme noch Herausforderungen besprochen oder gelöst werden, die das Mountainbiken in Deutschland hat und erwartet. Im besten Fall wurden Interessengruppen für die Belange und Bedürfnisse anderer Interessengruppen sensibilisiert und eine Basis für gemeinsame Lösungen geschaffen.
An den zweieinhalb Tagen herrschte durchweg eine gute Stimmung und konstruktiver Austausch. Nico Graaff vom Veranstalter Mountainbike Forum Deutschland e. V. und Uschi Teufel vom Gastgeber Schwäbische Alb Tourismusverband e. V. zeigten sich im Anschluss sehr zufrieden mit dem Verlauf des Kongresses und den ersten Rückmeldungen. Ihr Dank galt dem Team hinter den Kulissen, den Guides der lokalen Vereine, der Moderatorin Kaddi Kestler und allen Teilnehmer:innen.
Autor: Martin Dinse
Weitere Infos
Mehr Infos zur Schwäbischen Alb, den Aalener Trails und den Vereinen dahinter:
https://www.schwaebischealb.de/
https://ssvaalen.de/trailmapaalen/
https://trailmanufaktur.de/
sowie zu den Bike-Spirit-Awards und den ausgezeichneten Projekten:
https://www.kongress.bike/awards




















