Mountainbiken im Wandel
Blickt man auf die Marktdaten des Zweirad-Industrie-Verbands, fällt auf, dass sich ein Segment in den letzten Jahren besonders stark verändert hat: das Mountainbike. Noch vor zwanzig Jahren war die Nachfrage nach den Rädern hoch. Rund jedes dritte verkaufte Rad zählte zu dieser Gruppe, das waren jährlich über eine Million Räder. Mountainbikes waren die sportiven Highlights. 2025 wurden laut den Marktzahlen des Zweirad-Industrie-Verbandes jedoch nur noch 52.500 Mountainbikes in Deutschland verkauft. Aus dem Kassenschlager ist scheinbar ein Nischenprodukt geworden – doch ist das wirklich so? Oder haben sich das Mountainbike und seine Nutzer:innen nur verändert?
Der Motor ändert alles
Nachgefragt bei Daniel Gareus. Er arbeitet bei Cosmic Sports, einem Markenimporteur für Mountainbike-Komponenten und ‑Zubehör. „Das Mountainbike hat nicht mehr den Stellenwert, den es einmal hatte“, stimmt er zu, ergänzt aber direkt: „Es ist motorisiert und ausdifferenziert.“ Ähnlich sieht das Thorben Kriener vom Markenimporteur Sports Nut: „Ohne Motor funktioniert das Mountainbike nur bei Einstiegspreisen oder in speziellen Segmenten wie Downhill oder Dirtbike. Der Rest ist vom E‑Mountainbike besetzt.“ Das bestätigt Moritz Zimmermann von der Online-Plattform MTB-News: „Die Vorbehalte gegenüber E‑Mountainbikes sind praktisch nicht mehr vorhanden.“
Die Marktzahlen unterstreichen das: 2025 wurden rund 793.000 E‑Mountainbikes verkauft. Damit waren E‑MTBs die mit Abstand am stärksten nachgefragte Fahrradgattung in Deutschland. Für Gjovalin Pepaj vom Online-Händler Bike-Components steht außer Frage, dass der Motor das Mountainbike-Segment noch weiter beeinflussen wird: „Die E‑Bike-Dominanz beim Mountainbike wird noch weiter zunehmen.“ Das klassische Mountainbike sei zwar noch da, aber große Hersteller würden sich weiter auf den E‑MTB-Bereich konzentrieren, so seine Einschätzung.
Für alle das Richtige
Beispielhaft für diese Entwicklung steht die Fahrradmarke Haibike. Die Schweinfurter gelten als ein Mitbegründer des E‑Mountainbike-Segments und sind bis heute ein Trendsetter. Als andere Hersteller noch müde über E‑Mountainbikes lächelten, stellte Haibike schon 2010 das erste Modell vor. Seit einigen Jahren setzt das Unternehmen ausschließlich auf motorisierte Fahrräder, der Großteil davon im E‑Mountainbike-Segment. Mittlerweile gehören auch Modelle mit Automatikschaltung oder ABS zum Portfolio. Auch interessant: ein E‑MTB mit Tiefeinsteigerrahmen. Der Anspruch lautet: Jedem Interessierten, vom sportiven Trail-Fahrer bis hin zum Wochenausflügler auf Schotterwegen, ein individuell passendes Bike anbieten zu können. Im Portfolio finden sich deshalb sportive Light-E-MTBs genauso wie SUV-E-Bikes. Beides Radgattungen, die für aktuelle Entwicklungen stehen.
Leichtgewichte und Alleskönner
Bei Light-E-MTBs handelt es sich um motorisierte Modelle mit einem kleinen Motor und einem kleineren Akku, meist haben die Räder zudem einen Carbonrahmen. Das Ziel ist ein Radgewicht unter 20 Kilogramm. Das sorgt für ein wendiges Fahrverhalten auf dem Trail bergab, bergauf genießt man die Unterstützung des E‑Motors. Der Antriebshersteller Fazua gilt mit seinen Motoren als einer der Wegbereiter des Segments. Für Mareen Werner-Rusitschka vom Fahrradhersteller Hartje eröffnen diese Räder komplett neue Möglichkeiten: „Wenn man wenig Zeit hat, aber gerne Mountainbiken möchte, machen Light-E-MTBs definitiv Sinn. Man hat ein wendiges Bike, dass sich kaum von einem Rad ohne Motor unterscheidet, aber man ist dank des E‑Antriebs viel schneller auf dem Trail und kann die Zeit sinnvoll nutzen.“ Der baskische Hersteller Orbea stellte zum Saisonstart mit dem „Rallon RS“ ein Light-E-MTB vor, das mit 18 Kilogramm Gewicht und einem kleinen, versteckten Motor die Grenzen zwischen E‑MTB und MTB verwischt. „Ob man es Mountainbike oder E‑Mountainbike nennen will, ist dabei nicht wichtig. Es lässt vielmehr Kategorien verschmelzen“, schreibt dazu das Fachportal MTB-News.
Wie diese Grenzen zwischen den Kategorien sich immer mehr auflösen, zeigt sich beim zweiten Trendthema, den sogenannten SUV-E-Bikes. Dabei handelt es sich um Räder mit einem sportiven Mountainbike-Rahmen mit Vollfederung und breiten Reifen, kombiniert mit Lichtanlage, Schutzblechen und Gepäckträger – meist noch verbunden mit einem antriebsstarken Motor und einem reichweitenstarken Akku. Der Sinn: E‑Mountainbikes werden alltagstauglich und für eine größere Gruppe, z. B. sportive Pendler:innen, zu einem interessanten Fahrzeug, mit dem sie unterschiedliche Alltagswege meistern, aber auch eine Feierabendrunde auf den Trails oder eine längere Radtour mit Gepäck fahren können.
Komplexität reduzieren, Potenziale nutzen
Die langjährige Mountainbikerin Johanna Beyer äußert vor diesem Hintergrund den Wunsch, dass man Mountainbiken nicht zu komplex machen solle. Anstelle von Diskussionen über Federweg und Fachsimpeln über Rahmengeometrie und Kettenstrebenlängen sollte das Hauptthema stehen: „Es geht den Menschen ums Radfahren“, so die Marketingmanagerin des Reifenherstellers Schwalbe. Die Industrie sei gefragt, nicht mit immer komplizierter werdenden Produkten und Kategorien neue Zugangshürden zu schaffen, sondern noch weiteres Potenzial für den Sport zu nutzen.
Mountainbiken ist heute nämlich eigentlich kein Nischensport mehr, sondern hat sich – in jüngerer Vergangenheit auch durch seine Motorisierung – zu einem Breitensport entwickelt und verändert. Bereits rund 16 Millionen Deutsche fahren laut einer Umfrage des Allensbach-Instituts Mountainbike. Damit einher geht, dass sich das Nutzungsverhalten verschoben hat. Es gibt eine breite Grauzone von Nutzer:innen zwischen Schotterwegen und Bikepark. Diese schaut nicht auf die Performance des Bikes, sondern auf den Komfort. Und genau für diese Gruppe passt das E‑MTB in seinen modernen, motorisierten und ausdifferenzierten Formen. Der sportliche Trainingsaspekt gerät in den Hintergrund, der Spaß rückt in den Mittelpunkt. Der Motor nimmt die Anstrengung und bietet eine Komfortlösung, die in erster Linie Fahrspaß verspricht – und die es vor zwanzig Jahren noch nicht gab, aber aktuell die Zukunft des Sports sichert. „Es geht einfach darum, gemeinsam Spaß zu haben und Rad zu fahren. Egal, ob mit dem E‑Mountainbike, einem Gravelbike oder etwas dazwischen“, sagt Fachjournalist Moritz Zimmermann.
Die Auswirkungen auf den Tourismus
Die Folge: Auch die Infrastruktur für die Zielgruppen muss stimmen. E‑Mountainbiker:innen stellen ein buntes Spektrum an Ansprüchen an eine Region: „Die einen wollen lieber anspruchsvolle Trails bergauf und bergab, anderen wollen ihren Ausflug mit kulturellem Programm verbinden – das stellt Touristiker vor neue Herausforderungen, weil sie ein breites Angebot bieten müssen, um attraktiv zu sein“, weiß Nico Graaff vom Mountainbike Forum Deutschland e.V.. Wie ein derartiges Angebot aussehen kann, zeigt beispielsweise die Schwäbische Alb: „Rund um Albstadt können wir ein gut ausgebautes Trail-Netz bieten, aber auch Mehrtagestouren auf Schotterpisten mit Natur- und Kultur-Highlights sowie Einkehrmöglichkeiten gehören zu unserem Angebot. So können wir eine breite Gruppe an Mountainbiker:innen bedienen. Früher stand Kondition im Vordergrund, heute das Erlebnis“, sagt Ursula Teufel aus dem Tourismus-Marketing. Durch diese Angebotsvielfalt können speziell die Mittelgebirgsregionen von dem (E-)Mountainbike-Boom in Zukunft profitieren.
















































