Wartungsarm Radfahren mit Automobiltechnik
nspiriert aus der Automobilbranche startete das Unternehmen Pinion 2008 mit der Idee eines Zentralgetriebes für Fahrräder. Die Basis ist ein Stirnradgetriebe, das aus zwei Teilgetrieben besteht. Aus der Kombination der beiden Teilgetriebe mit unterschiedlicher Anzahl an Zahnrädern werden die einzelnen Gänge abgeleitet. Die Schaltung ist in einem Gehäuse am Tretlager des Fahrrads angebracht. Durch das gekapselte Gehäuse ist die Schaltung vor äußeren Einflüssen wie Schmutz, Wasser oder Steinschlägen geschützt, denn es gibt keine freiliegenden Schaltungsteile. Im Ergebnis ist das System deutlich leichter instand zu halten als eine Kettenschaltung. „Einzig muss nach rund 10.000 Kilometern ein Ölwechsel vorgenommen werden“, sagt Dirk Menze von Pinion. Da sich durch den zentralen Sitz des Getriebes am Rahmen keine Schaltungskomponenten am Hinterrad befinden, ändert sich auch das Fahrverhalten des Rades. „Das leichtere Hinterrad ermöglicht ein ausgewogenes, agiles Fahren. Einen Vorteil, den mittlerweile auch Mountainbiker:innen immer mehr zu schätzen lernen“, erklärt Menze.
Robust dank Carbonriemen
Die „P‑Linie“, das hochwertige Getriebe mit CNC-gefrästem Aluminiumgehäuse, hat bis zu 18 Gänge, was eine Übersetzungsbandbreite von 636 Prozent ermöglicht. Das ist aktuell der beste Wert für eine Fahrradschaltung. Die Übersetzungsbandbreite gibt das prozentuale Verhältnis zwischen dem kleinsten und dem größten Gang an. Neben der 18-Gang-Variante hat Pinion auch günstigere Getriebe mit zwölf, neun oder sechs Gängen im Angebot. Diese unterscheiden sich auch in der Herstellung des Gehäuses: Die günstigere „C‑Linie“ wird im Magnesium-Druckguss-Verfahren hergestellt. „Im Kern funktionieren sie jedoch gleich. Man kann sich also auf eine hohe Qualität verlassen“, sagt Menze. Auffällig: Pinion-Getriebe werden fast nur noch mit einem Riemenantrieb von Gates genutzt. Dieser hält rund dreimal länger als eine Fahrradkette und braucht auch weniger Pflege. Statt Kettenöl reicht eine regelmäßige Reinigung mit Wasser. Carbonriemen kommen dank ihrer hohen Belastbarkeit und ihres geringen Verschleißes etwa in Motorrädern und Windrädern zum Einsatz.
Automatisiertes Schalten im Kommen
Als Vorteil einer Getriebeschaltung gilt, dass Schaltvorgänge jederzeit möglich sind. Also auch unter Last am Berg oder beim Anfahren – wobei hier mittlerweile auch automatisierte Lösungen Einzug halten. So bietet Pinion beispielsweise die Technologie Smart Shift an. Dabei schaltet das System elektronisch und auf Wunsch sogar automatisch die Gänge, etwa wenn man an eine Ampel fährt oder bei Bedarf auch während der Fahrt. Die Technik ist für E‑Bikes und Fahrräder verfügbar. 2023 stellte Pinion als erster Hersteller weltweit eine Motor-Getriebe-Einheit, kurz „MGU“ vor: Hier sind Motor und Getriebe in einem Gehäuse verbaut. Das hat den Vorteil, dass die beiden Systeme besser aufeinander abgestimmt sind, was den Verschleiß und den Wartungsaufwand nochmals minimiert. Pinion gilt als der Vorreiter in diesem Bereich. „Mittlerweile kommen immer mehr Angebote auf den Markt und mehr Fahrradhersteller nutzen die Technik. Das bestätigt uns, dass der eingeschlagene Weg der richtige ist“, so Menze.
Zwei-Gang-Schaltung reduziert Kosten
Einen anderen Weg nimmt UT Gear. Hinter der jungen Marke steht Universal Transmissions, der langjährige Vertriebspartner des Riemenherstellers Gates. Im Sommer 2026 stellte das Unternehmen seine neue Schaltung „H2“ vor. Statt eines breiten Schaltspektrums konzentriert man sich auf zwei Gänge: einer für Anfahren und Berg, der zweite für alles weitere. „Einfachheit steht bei uns an erster Stelle. Indem wir die Komplexität der Schaltung minimieren, können wir auch die Kosten reduzieren“, begründet Elmar Keineke aus dem Marketing den Schritt. Die Idee der Entwicklung basierte dabei auf der Einfachheit und dem geringen Wartungsaufwand des „Gates Belt Drive“, also des Riemenantriebs. Ziel war es, eine Schaltungslösung zu erarbeiten, die mit dem Riemen kompatibel ist und günstige E‑Bikes ermöglicht.
Im Ergebnis steht ein geschlossenes Gehäuse, in dem ein einfaches Planetengetriebe Platz findet. Kombiniert wird die Zwei-Gang-Schaltung mit einem Hinterradnabenmotor und einem Gates Belt Drive. „Für den Alltag ist das komplett ausreichend. Statt ständig Gänge zu wechseln, kann man sich auf den Fahrspaß und den Verkehr konzentrieren“, sagt Keineke. Die wartungsarme Antriebskombination ist ab Herbst 2026 in ersten Rädern zu finden, vordergründig für den City-Einsatz.
Schaltung ohne Wartung
Sogar ganz ohne Wartung soll die Getriebenabenschaltung von 3x3 auskommen. Da es sich nicht um ein ölbasiertes System handelt, sondern Fett verwendet wird, muss kein Wechsel des Schmiermittels vorgenommen werden. Das System hält hohe Drehmomente aus und ist somit auch mit leistungsstarken Mittelmotoren kompatibel. Das macht die Schaltung für Cargobikes oder auch Fahrzeuge der Leichtelektroklasse interessant. Das System gibt es wahlweise mit neun oder sechs Gängen – auch als elektronische Variante. Die Gänge liefern eine Bandbreite von 540 Prozent in der Neun-Gang-Variante. Das bedeutet, dass ein Gang ein breites Fahrspektrum abdecken kann. Somit muss weniger geschalten werden, was wiederum für mehr Fahrspaß sorgen soll. Die Schaltung kommt an Trekking- und Cityrädern, wie etwa bei Victoria, sowie an Mountainbikes zum Einsatz – meist bei Modellen mit E‑Antrieb.
Antrieb ohne Kette
Der französische Anbieter Cixi geht sogar noch einen Schritt weiter und verzichtet bei seinem Antriebssystem komplett auf Kette bzw. Riemen und Gangschaltung. „Pers“ heißt das System, beim dem die Energie der Muskelkraft direkt in Strom für den Motor umgewandelt wird. Je mehr man tritt, desto schneller fährt man. Beim Bremsen über die Pedale wird Energie zurückgewonnen und diese fließt direkt in den Akku. Das System ist dadurch äußerst leicht zu warten. Laut Hersteller braucht es erst nach 50.000 Kilometern einen ersten Service. Diese neue Technik wird aktuell an unterschiedlichen Rädern getestet, z. B. an Dreirädern von HP Velotechnik. „Der kettenlose Elektroantrieb ist für mehrrädrige Gefährte eine praktische Erfindung und Erleichterung. Fahrzeuge mit drei oder sogar vier Rädern sind im Kommen. Deshalb hat diese Erfindung eine große Zukunftschance“, prognostiziert Gabriel Wolf, Veranstalter der Internationalen Spezialradmesse Spezi.
Schalttechnik Made in Germany
Der Produktionsstandort Deutschland spielt für hochwertige Fahrradschaltungen eine wichtige Rolle. Pinion und 3x3 stellen ihre Produkte in Deutschland her. Auch der renommierte Schaltungsspezialist Rohloff lässt hierzulande fertigen.






























