TPU – die Revolution im Fahrradreifen?
Die Abkürzung TPU steht für Thermoplastisches Polyurethan. Dabei handelt es sich um Kunststoffe, die sich bei Hitze verformen lassen und erstarren, wenn sie abkühlen. TPU verbindet somit die hohe Haltbarkeit von Kunststoff mit der Dehn- und Verformbarkeit von Gummi. „Aufgrund seiner Elastizität kommt TPU häufig als stabilitätsförderndes Bindemittel in Produkten wie Helmen, Schutzverpackungen oder auch in der Sportbranche vor“, erklärt Lothar Schiffner, Pressesprecher von RTI Sports, dem Vertriebspartner der jungen Schlauchmarke Aeron/TPU.
Geringeres Gewicht, höherer Pannenschutz
Der wesentliche Vorteil gegenüber den Standardschläuchen aus Butyl: TPU-Schläuche sind deutlich leichter. Aeron/TPU hat einen Rennradschlauch mit einem Gewicht von 23 Gramm im Angebot, Reifenspezialist Schwalbes leichtester Schlauch wiegt 50 Gramm. Das ist ungefähr ein Viertel bis eine Hälfte des Gewichts eines vergleichbaren Rennradschlauches aus Butyl. Auch wenn es sich bei der Gewichtsersparnis scheinbar nur um ein paar Gramm handelt, können diese bereits eine große Wirkung zeigen, denn die rotierende Masse im Reifen wird minimiert und so das Vorankommen verbessert. Das Rad wird besser beschleunigt und lässt sich agiler steuern. „Ein weiterer Vorteil ist die Festigkeit des Materials. Diese sorgt für eine hohe Eigenstabilität und der Reifen kann mit dem niedrigen Druck eines Tubeless-Systems gefahren werden. Das ist eine deutliche Verbesserung des Komforts, Rollwiderstandes und des Pannenschutzes“, erklärt Steffen Jüngst, Pressesprecher bei Schwalbe. So werde beispielsweise das Risiko eines Durchschlags, des sogenannten Snakebite, minimiert. Sollte dennoch ein Defekt auftreten, gibt es selbstklebende Patches, die man einfach auf das Loch klebt. Das Fachportal MTB-News.de hat sich zudem den Rollwiderstand einmal näher angeschaut. Das Ergebnis: Ein TPU-Schlauch spart ca. 2,6 Watt Energie, was die Radfahrenden um rund acht Prozent schneller macht – beide Werte im Vergleich zur Nutzung eines Butyl-Schlauches.
Weniger pumpen müssen
Hinsichtlich des Service unterscheiden sich die beiden Schlaucharten kaum. Bei der Montage genießt der TPU-Schlauch den Vorteil, dass er dank seiner Formstabilität nicht so leicht zwischen Felge und Mantel eingeklemmt werden kann. Eine Einschränkung: Ein TPU-Schlauch behält nach der Erstmontage seine Form und kann somit nicht mehr in einen schmaleren Reifen eingezogen werden. Hinzu kommt: „Ein TPU-Schlauch muss langsam aufgepumpt werden, da sich das TPU-Material nicht so schnell ausdehnen kann. Eine Standpumpe mit Manometer ist dafür geeignet. Ein Aufpumpen mit einem Kompressor sorgt hingegen dafür, dass der Schlauch schneller platzen kann“, erklärt Anika Ochel vom Pumpenspezialist SKS Germany. Laut Schlauchherstellern sollen TPU-Produkte sogar länger die Luft halten, was weniger Nachpumpen erfordert. Zudem punktet der TPU-Schlauch durch sein geringes Packmaß. Er nimmt als Ersatzschlauch weniger Platz in der Fahrradtasche oder dem Rucksack weg.
Preis ist der Knackpunkt
Aber es gibt auch wenige Nachteile: TPU-Material ist hitzeempfindlich, es verträgt keine Temperaturen über 100 Grad. Das kann bei langen Abfahrten mit Felgenbremsen zum Problem werden, da die Hitzeentwicklung an der Felge den Schlauch zum Platzen bringen kann. Deshalb geben die Schlauchhersteller TPU-Produkte lediglich für Räder mit Scheibenbremsen, die mittlerweile an fast allen Neurädern Standard sind, frei. Ausnahme ist der Aerothan-Schlauch von Schwalbe. „Unser Material ist extrem hitzebeständig. Daher sind die Schläuche für die Verwendung mit Felgenbremsen zugelassen“, sagt Jüngst. Der wesentliche Knackpunkt, der aber die flächendeckende Verbreitung von TPU-Schläuchen noch verhindert, ist der Preis: Ein TPU-Schlauch ist zwei- bis dreimal teurer als ein vergleichbares Butyl-Produkt. Allerdings muss man einschränken: TPU-Schläuche sind langlebiger und auch nachhaltiger. „TPU ist ein reinsortiger Werkstoff und kann darum zu 100 Prozent für die Herstellung neuer TPU-Schläuche recycelt werden. Außerdem wird bei der Produktion weniger Wasser benötigt als bei vergleichbaren Butyl-Produkten“, weiß Lothar Schiffner.
Für wen eignet sich TPU?
TPU-Schläuche füllen die Lücke zwischen Tubeless-Systemen, die im sportlichen Performance-Bereich stark verbreitet sind, und den klassischen Butyl-Schläuchen. Dabei können sie eigentlich in allen Radsegmenten punkten. TPU-Schläuche haben nämlich noch einen weiteren großen Vorteil: Sie lassen sich auf den jeweiligen Einsatzbereich abgestimmt entwickeln. So wird bei Rennradschläuchen auf ein niedriges Gewicht geachtet, während Schläuche für City- und Toureneinsatz einen höheren Pannenschutz aufweisen. Durch ihre einfache Handhabung im Gegensatz zu einem Tubeless-System, bei dem regelmäßig die Dichtmilch gewechselt werden muss, werden sie auch für sportliche Einsteiger:innen im Rennrad- und Mountainbike-Bereich interessant. Aber sogar bei der Tour de France sollen TPU-Schläuche bei manchen Etappen im Einsatz gewesen sein, weil sie bei gewissen Voraussetzungen sogar leichter als ein Tubeless-System mit Dichtmilch sein sollen. Im Alltagsbereich wird in Zukunft eine höhere Nachfrage nach TPU-Schläuchen erwartet, da die Schläuche einen besseren Pannenschutz als Butyl-Produkte haben.



















