Mehr Frauen aufs Rad bringen
Mangelndes Interesse ist laut einer Studie der Interessenvertretung Women in Cycling nicht der Grund, warum Frauen weniger Rad fahren als Männer. Vielmehr zeigen die erhobenen Daten, dass Angebote, Kommunikationsformen und Kaufprozesse an weiblichen Bedürfnissen vorbeigehen. Das größte Problem, das die Studie identifiziert: Fast jede zweite befragte Frau fühlt sich beim Radfahren unsicher. Dabei nennen 56 Prozent der Studienteilnehmerinnen Sicherheit als wichtigstes Kaufkriterium bei der Wahl des Fahrrades – gegenüber lediglich 37 Prozent der Männer. Der Abbau bestehender Hürden kann helfen, mehr Frauen aufs Rad zu bekommen. Isabell Eberlein, die Gründerin von Women in Cycling Germany, sieht dabei mehrere Faktoren, die geändert werden müssten: „Wer den Markt vergrößern möchte, muss nicht nur Produkte weiterentwickeln, sondern das gesamte Ökosystem rund um das Fahrrad verbessern, insbesondere mit Fokus auf Infrastruktur und Sicherheit im Straßenverkehr, über Kommunikation und Marketing bis hin zu Beratung und Service.“
Infrastruktur ist männlich geprägt
Die Anforderungen von Frauen an die Infrastruktur unterscheiden sich deutlich von denen von Männern. Während Männer das Rad meist im Alltag zum beruflichen Pendeln nutzen, fahren Frauen eher sogenannte Wegeketten, die unterschiedliche Ziele miteinander verbinden. Das Problem: Eine Radinfrastruktur wird in der Regel auf einfache Weise mit einem Start- und einem Zielort geplant, z. B. Wohn- und Arbeitsort – also der männlichen Nutzung entsprechend. Dabei bevorzugen Frauen eigentlich gut geschützte Radwege, die vom Autoverkehr getrennt sind, weil das ihre Sicherheit steigert. Eine ausgebaute Infrastruktur, die verschiedene Orte des täglichen Bedarfs (Kindergarten, Supermarkt, Freizeiteinrichtungen) verbindet und dabei noch Grünanlagen und Parkwege integriert, könnte die Radnutzung von Frauen weiter stärken.
Blinker, Automatik, Dreirad: neue Sicherheits-Features
Schätzungen von Women in Cycling zeigen, dass mehr radfahrende Frauen bis 2030 bis zu 950 Millionen Euro mehr Umsatz bringen könnten. Deshalb sollte es auch im Interesse der Fahrradbranche, also Hersteller und Handel, liegen, mehr Frauen fürs Radfahren zu begeistern. Mit innovativen Sicherheitstechnologien liefern die Fahrradhersteller bereits heute Kaufanreize – die sich allerdings nicht nur an Frauen richten sollen. „Unser ‚Turntec T2‘-Blinker in den Lenkerenden ist eine einfache, werkzeuglos montierbare Lösung für alle Radfahrenden zum Nachrüsten. Der Blinker schafft mehr Sichtbarkeit, gerade in der Dämmerung oder bei Dunkelheit, und der Arm muss beim Abbiegen nicht mehr vom Lenker genommen werden, um ein Handzeichen zu geben. Das steigert die Sicherheit, denn gerade das einhändige Fahren, ohne die Hand an der Bremse zu haben, ist ein Unsicherheitsfaktor“, erklärt Claudia Müller vom Lichtspezialisten Busch & Müller. Eine umfassendere Lösung, die immer mehr Fans findet, sind kippstabile Dreiräder. „Unsere Gesellschaft wird immer älter, aber die Menschen wollen weiterhin Rad fahren. Schwindende Haltekräfte oder Krankheiten sorgen dafür, dass man sich auf einem zweirädrigen Rad unsicher fühlt und schneller verunfallt. Durch ihren kippstabilen Aufbau steigern Dreiräder die individuelle Sicherheit ungemein“, erklärt Michaela Buchholz vom Fahrradhersteller Bernds. Mit der Automatikschaltung kommt eine weitere Entwicklung, die aus der Automobilbranche bekannt ist. Der Vorteil des Systems: Man hat immer den zur Fahrsituation passenden Gang. „Beim Anfahren an der Ampel oder nach einem Bergab-Stück schaltet das System umgehend in den passenden Gang. So können sich die Radfahrenden vollumfänglich auf die Verkehrssituationen konzentrieren“, erklärt Sabrina Weiss von Pinion. Der Hersteller bietet mit seiner Motor-Getriebe-Einheit MGU einen einfach zu wartenden E‑Bike-Motor mit integrierter Schaltung an. „Das klingt erst mal nach komplizierter Technik, ist aber im Alltag genau das Gegenteil: Einmal passend eingestellt, ist die MGU ein echtes Rundum-Sorglos-Paket: einfach in der Handhabung und mit nur einem Ölwechsel alle 10.000 Kilometer extrem wartungsarm“, sagt Weiss.
Verkaufsgespräche stärker auf Frauen auslegen
Die langjährige Kommunikations- und Marketingmanagerin Weiss, die ebenfalls Mitglied bei Women in Cycling ist, spricht hier einen entscheidenden Punkt an: Auch branchenintern gibt es noch Nachholbedarf und der fängt beim Verkaufsgespräch an. Frauen lassen sich gerne im Fachhandel beraten, aber leider verliert sich das Verkaufsgespräch schnell im Technik-Talk über Drehmoment, Wattstunden und Ähnliches. Das meist männliche Verkaufspersonal erkennt die Interessen und Bedürfnisse von Frauen in vielen Fällen nicht umfänglich. „Sicherheits-Features sollten nicht als technische Details, sondern als konkreter Alltagsnutzen vermittelt werden“, steht als Ratschlag in einer Pressemitteilung von Women in Cycling. Auch Finanzierungsmöglichkeiten wie Leasing müssen anders angeboten und beispielsweise stärker für Teilzeit-Arbeitende kommuniziert und berechnet werden. Auch Fragen rund um Verdienstausfallzeiten wie Eltern- und Pflegezeiten gilt es angesichts weniger linearer weiblicher Erwerbsbiografien zu berücksichtigen. „Frauen wünschen sich beim Dienstrad-Leasing nicht nur ein hochwertiges Bike. Sie wollen auch sorglos fahren. Ein Schaden? Wird ohne Selbstbeteiligung repariert. Diebstahl? Sie erhalten einen Ersatz. Nicht nur beim Leasing zieht das Thema Absicherung. Unsere Befragungen zeigen, dass Versicherungs- und Schutzleistungen grundsätzlich als Zusatzangebot beim Kauf erwartet werden“, weiß Julia Blesin vom Leasing- und Versicherungsanbieter Linexo.
Frauen- oder Unisex-Rad? Branche ist sich uneins
Braucht es deshalb auch spezielle Fahrräder für Frauen? An dieser Stelle ist sich die Branche uneins. Es gibt Fahrradmarken wie Liv, die ausschließlich Fahrräder für Frauen anbieten. Auf der anderen Seite gibt es mittlerweile Hersteller, die auf eine Geschlechtszuweisung bei den Rahmenformen verzichten. „Wir wollen nicht vorschreiben, welche Räder für welches Geschlecht sind, sondern die persönliche Präferenz berücksichtigen. Das ist aus der Nutzungs- und Verkaufsrealität entstanden“, sagt beispielsweise Leonie Sperling vom Fahrradhersteller Stevens. So greifen mittlerweile auch viele Männer gerne zum Tiefeinsteiger, der lange Jahre als Frauenrad gehandelt wurde, da das Aufsteigen deutlich leichterfällt. Auf der anderen Seite fahren im Sportbereich Frauen die klassischen Diamantrahmen, die als „Männerrahmen“ galten. Es werde deshalb von den Herstellern auf eine Unisex-Ausstattung geachtet. Für die geschlechtsspezifische Anpassung, insbesondere des Sattels oder auch der Griffe, bieten Ergonomiespezialisten wie Ergon passende Produkte für den After-Sales-Markt an.
Testräder in Frauengrößen verfügbar haben
Ein größeres Manko ist hingegen, dass bei vielen Fahrradhändlern sowie bei Test-Events kleine Rahmengrößen für Testfahrten fehlen. So können Frauen die Vorteile der Wunschräder gar nicht im nötigen Umfang erfahren. Eine Lösung bieten Hersteller wie I:sy oder Riese & Müller, die auf nur eine bzw. zwei Rahmengrößen setzen und so ein breites Größenspektrum abdecken. „Die Geometrie unserer Räder ermöglicht es, dass Menschen mit einer Körpergröße von 150 bis 190 Zentimetern richtig sitzen. So kann der Großteil der Frauen unsere Räder nutzen, ohne sich großartig Gedanken über die Rahmengröße zu machen“, sagt Till Kaletsch von I:sy.
Weibliche Communitys schaffen
Der mögliche Vorteil für Hersteller und Händler im Falle eines Engagements für die Radnutzung von Frauen: Sie binden eine loyale, Service-orientierte Zielgruppe, die langfristig auch gerne Geld in Wartung und Werkstattarbeiten investiert – und sich für das Thema Fahrrad interessiert. So werden beispielsweise mancherorts Werkstattkurse nur für Frauen angeboten oder gemeinsame Ausfahrten organisiert. Taschenspezialist Ortlieb lud im Juli 20 Frauen in die Region rund um Frankfurt am Main zu einer zweitägigen Gravel-Ausfahrt mit Bikepacking und Camping-Übernachtung. Das Motto lautete „Women who rise“ und der Gedanke dahinter war: einfach losfahren und Spaß haben. „Das Wochenende hat mir nicht nur Lust auf mehr Bikepacking gemacht, sondern auch darauf, öfter einfach alleine aufs Rad zu steigen“, fasst eine Teilnehmerin ihre Erfahrungen auf der Website des Events zusammen. Diese Frauen gehören zur größten Gruppe: Sie fahren bereits Fahrrad, möchten es aber häufiger tun. Hier liegen die größten Wachstumschancen für Industrie, Handel und Dienstleistungsangebote, prognostiziert Women in Cycling, wenn die Weichen richtig gestellt werden.



























































