„Schmerzen beim Radfahren sind in allen Altersgruppen ein Thema“
pressedienst-fahrrad: Hallo Simon, unser Thema sind sportliche Bikes mit Rennlenker, wie Rennrad oder Gravelbike. Diese zeichnen sich ja in erster Linie durch Aerodynamik und Geschwindigkeit aus. Wie passt das Thema Komfort überhaupt dazu?
Simon Schumacher: Die Fahrradhersteller unterteilen im Rennradbereich in drei Kategorien: Da sind erstens die Aero-Renner. Hier sind Rad und Sitzposition aerodynamisch optimiert. Da ist Komfort nebensächlich. Zweitens haben wir die klassischen, gewichtsoptimierten Räder, die tendenziell von der Körperposition mehr Richtung Aerodynamik gehen und dieses klassische Rennrad-Feeling mitbringen. Und drittens die auf Langstreckenperformance optimierten Bikes, bei denen die Sitzposition etwas moderater und weniger gestreckt ist. Diese Räder zeichnen sich durch breitere Reifen sowie komfortablere Sattelstützen, Vorbauten oder Steuersätze aus. Es gibt also auch im Rennradbereich mittlerweile schon Komforträder.
Breitere Reifen, mehr Komfort – das klingt ja eigentlich schon nach Gravelbike. Gibt es überhaupt noch Unterschiede zwischen Gravelbikes und Rennrädern oder ist der Übergang mittlerweile fließend?
Die neue Gravel-Kategorie Aero Race zeigt viele Parallelen zum Rennrad. Wenn wir die Sitzposition betrachten, also wie die Oberkörper- und Armposition ist, geht das schon sehr stark in Richtung Aero-Rennrad. Auf der anderen Seite gibt es die Kategorie Adventure-Reiserad. Bei den Rädern ist der Lenkwinkel etwas flacher, um mehr Laufruhe auf Schotter zu haben. Also eher in die Richtung Mountainbike, aber dennoch mit dem Aero-Anspruch eines Rennrades.
Was bedeutet für euch das Verschmelzen der Kategorien mit Blick auf die Produktentwicklung von Fahrradkomponenten? Braucht es einen speziellen Gravel-Sattel überhaupt noch?
Das ist wirklich ein wichtiger Punkt. Wir unterteilen unsere Sättel nach der dem Rad entsprechenden Sitzposition. Im Ergebnis soll der Radfahrende eine optimierte Sitzflächennutzung haben, bei der zusätzlich die Beinfreiheit gegeben ist. Wenn man jetzt ein Aero-Gravelbike mit einem Aero-Rennrad vergleicht, ist die Sitzposition mittlerweile ähnlich. Das war früher noch anders, weil man auf dem Gravelbike aufrechter saß. Was allerdings eine deutliche Änderung ist: Der Anspruch an die Vibrationsdämpfung an den Schnittstellen Sattel und Lenker. Dieser unterscheidet sich zwischen Schotterpiste und Straße. Das bedeutet für uns, dass wir mit anderen Materialien arbeiten müssen, um bei Gravelbikes einen Materialmix zu erhalten, der schnell nachgibt und dabei einen aktiven Fahreindruck vermittelt. Das trifft übrigens nicht nur auf Sättel zu, sondern auch auf Lenkerbänder. Wir arbeiten hier mit Materialien, beispielsweise aus der Medizintechnik, die die Polsterung und Kraftumleitung verbessern. Das versuchen wir gezielt für den Gravel-Einsatz zu optimieren.
Gravel-Lenker haben eine andere Form, teilweise sind sie durch starken Flare extrem nach außen gebogen. Hat das auch Auswirkungen auf die Produktentwicklung?
Ja, unsere Gravel-Lenkerbänder sind um 20 Zentimeter länger als Rennrad-Produkte. Das hat auch damit zu tun, dass beim Graveln mehr Griffpositionen, gerade im Oberlenker, genutzt werden. Somit wird mehr Lenkerband benötigt. Interessanterweise ist der Einfluss der Lenkerform für die Sattelentwicklung entscheidender, da sich Oberkörperhaltung, Armwinkel und daraus resultierend Hüft- und Kniewinkel ändern. Wir versuchen deshalb die unterschiedlichen Lenkerformen auf spezielle Standards herunterzubrechen und daraus unsere Produkte zu entwickeln.
Lenkerband für den Gravel-Einsatz
Ergon hat mit dem „BT Gravel“ ein spezielles Lenkerband für den Gravel-Einsatz im Angebot. Das Lenkerband ist 3,5 Millimeter dick und verspricht höhere Dämpfungseigenschaften.
Wenn ich jetzt vom Rennrad aufs Gravelbike oder umgekehrt wechsle, kann ich dann gar nicht meine persönlichen Radeinstellungen übernehmen?
Man sollte die Daten nicht eins zu eins übernehmen und hoffen, dass es funktioniert. Da sind die Einflussfaktoren zu groß. Unterschiedliche Sattelstützen, Kurbellängen, das Klicksystem der Pedale oder auch die Stärke der Schuhsohle können Einfluss haben – oder sogar die Dicke des Hosenpolsters. Ergonomie ist oft eine Sache von Millimetern.
Was ich mich schon oft gefragt habe: Wie wichtig ist das Zusammenspiel von Sattel und Polsterhose für den richtigen Sitzkomfort? Ich habe zu Hause drei Rennradhosen mit unterschiedlichen Sitzpolstern. Mit zweien fahre ich super, mit der dritten beginnen die Schmerzen bereits nach ein paar Kilometern.
Das ist ein ganz wichtiges Thema. Bevor wir ein Feedback von Testfahrer:innen einordnen, holen wir uns immer die Informationen über das Hosenpolster ab. Je spezifischer die Sattelform, desto wichtiger wird das Thema. Wir erkennen, dass unsere Sattelform mit einem dünnen und straffen Hosenpolster besser funktioniert. Das ist auch unsere Empfehlung. Dickere Polster, die viele Hersteller verwenden, liegen vielleicht im Damm- und Genitalbereich ungünstig und sorgen für einen Widerstand, der da eigentlich nicht hingehört, was das Fahren wiederum unkomfortabel macht. Sattel und Hosenpolster haben auf alle Fälle einen Einfluss aufeinander.
Wenn man jetzt das komplexe Thema herunterbricht auf den normalen Radfahrenden, der hobbymäßig mit seinem Rennrad oder Gravelbike ein paar Touren fahren möchte: Was kannst du als Tipp für die richtige ergonomische Einstellung geben?
Das Ziel sollte sein, schmerzfrei Fahrrad zu fahren. Und das ist kein utopisches Ziel. Entweder holt man sich professionelle Hilfe oder kann das Ziel auch selbst erreichen. Mit unserer „Fitting Box“ haben wir ein Tool, das bei der individuellen Einstellung unterstützt. Auf Basis der Körperdaten wird eine Hilfestellung gegeben, die wissenschaftlich ist und eine gute Grundlage liefert. Wenn man sich daran orientiert, kann man bereits eine gute Schmerzfreiheit erreichen.
Ein Einstellungstipp in der Fitting Box lautet, dass der Sattel waagerecht sein sollte, weil das für eine gute Verteilung des Körpergewichts sorgt. Mittlerweile gibt es aber auch Stimmen, die sich für eine leichte Absenkung des Sattels nach unten aussprechen. Ist das wirklich zu empfehlen?
Ein Abwinkeln des Sattels nach vorne bringt den Vorteil, dass man durch eine stärkere Hüftbeugung eine effizientere Muskellänge erreicht. Die Folge ist eine bessere Kraftübertragung, weil die vordere und hintere Beinmuskulatur besser ineinandergreifen. Allerdings muss man darauf achten, dass das Becken nicht zu weit nach vorne rotiert, weil dann die Entlastung schlechter wird. Wenn man das Becken in eine zu starke Vorrotation zwingt, sitzt man natürlich auch in einem viel kritischeren Bereich im Genitalbereich. Gleichzeitig wird mehr Körpergewicht auf die Arme verlagert, was Schultern, Handgelenke und Nacken stärker belastet. Deswegen wird die Sattelnase meist nur bei Aero-Rennrädern angewinkelt. Aber auch in Einzelfällen kann es positive Ergebnisse bringen und Schmerzen entgegenwirken. Für die Allgemeinheit raten wir aber, den Sattel waagerecht einzustellen.
Im Winter nutzen viele Radfahrende gerne ihr Rennrad oder Gravelbike, um auf einem Rollentrainer zu trainieren. Muss man beim Wechsel zum Indoor-Cycling seine Einstellungen anpassen?
Der Rollentrainer ist die kritische Überprüfung für die eigene Fahrposition. Man sitzt statischer auf dem Rad, weshalb man Symptome noch intensiver spürt. Wenn man beim Fahren auf der Rolle Schmerzen spürt, sollte man also auch überlegen, ob die Radeinstellung generell passt. Es macht deshalb Sinn, die gleiche Einstellung zu verwenden. Falls Schmerzen auftreten, ist Handeln angesagt.
Für die Menschen, die im Winter draußen unterwegs sind, gibt es den Tipp, dass sie ihren Sattel ein bisschen nach unten stellen sollen. Gehst du da mit oder ist das Beibehalten der ergonomisch angepassten Einstellung die bessere Wahl?
Wenn man in der Stadt unterwegs ist, kann ich das hundertprozentig nachvollziehen, den Sattel ein bisschen abzusenken. Die Füße kommen besser auf den Boden, was wiederum die Standfestigkeit erhöht. Gerade beim Anfahren oder Stoppen auf rutschigem Boden ein Sicherheitsplus. Für Alltagsfahrende ist das dann auch die ergonomisch richtige Position, weil sie zu den Rahmenbedingungen passt. Wenn man allerdings sportlich unterwegs ist, sollte man seine gewohnte Position beibehalten. Ansonsten können Schmerzen im Knie auftreten, weil die Beugung im Knie zu stark ist, was das Pedalieren beeinflusst. Also gibt es für beide Anwendungen je nach Situation einen guten Grund und das ist das Schöne an Ergonomie: Es ist die Lehre des Wohlfühlens und des Komforts – damit das erreicht wird, spielt die jeweilige Perspektive eine wichtige Rolle.
Ist schmerzfreies Radfahren ein Thema, das nur ältere Menschen beschäftigt?
Schmerzen beim Radfahren sind in allen Altersgruppen ein Thema. Junge Menschen haben jedoch eine stärkere Grundmuskulatur und können deshalb einen aufkommenden Schmerz besser ignorieren. Aber wenn der Schmerzpunkt einmal erreicht ist, wird jeder Mensch Maßnahmen ergreifen, um den Schmerz abzustellen. Sei es mit einem anderen Sattel, einer optimierten Einstellung oder einer passenden Radgeometrie, die besser zum individuellen Fahrstil passt.






































