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Kommentar: Gezielte Verunsicherung durch Unfallzahlen
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Freitag, 30. Oktober 2015

Die Nachricht, wie gefährlich E-Bike-Fahren sei, taucht seit Veröffentlichung der 2014er-Unfallzahlen durch das Bundesamt für Statistik im Juli 2015 regelmäßig in den Medien auf. Zuletzt meldete die Allianz-Versicherung ein „Risiko Elektrofahrrad bei Senioren“, Medien griffen diese Meldung bereitwillig auf. Nach Auffassung des pressedienst-fahrrad ist diese Meldung tendenziös, weil sie Daten fehlerhaft analysiert. Redakteur H. David Koßmann erklärt die Hintergründe und kommentiert.

[pd-f/hdk] „Doppelt so hohes Todesrisiko wie mit dem Fahrrad“, schreibt die Allianz über E-Bike fahrende Senioren am 26.10.2015, das Magazin Focus etwa titelt daraus: „So tödlich sind Elektroräder“. Die Meldung fußt auf der Angabe, dass zehn Prozent der im Jahr 2014 tödlich verunfallten Radfahrer mit Motor unterwegs waren (39 von 396). 32 dieser Verkehrsopfer waren 65 Jahre alt oder älter.

So tragisch diese Zahlen im Einzelfall sind – denn jeder Verkehrstote ist einer zu viel –, sie verlören an Schlagzeilenpotenzial, erwähnte man, dass E-Bikes im gleichen Jahr ganze zwölf Prozent der in Deutschland verkauften Räder ausgemacht haben und vorwiegend von älteren Menschen gefahren werden. Zudem gibt das Statistische Bundesamt an, dass Senioren dreimal so häufig an den Folgen von Verkehrsunfällen sterben wie Menschen unter 65. Vergleicht man die Verkehrsmittel, mit denen Senioren im Straßenverkehr tödlich verunglückten, steht das Rad (inklusive Pedelecs) mit 22,9 % der Todesfälle sicherer da als das Auto (40,7 %) oder der Weg zu Fuß (25,2 %).

Insgesamt gab es laut Zweirad-Industrieverband (ZIV e. V.) Ende 2014 etwa 2,1 Millionen E-Bikes in Deutschland und mit großer Wahrscheinlichkeit gehören sie zu den häufiger und länger gefahrenen unter den 72 Millionen Fahrrädern in Deutschland. Setzt man also die eingangs zitierten Zahlen dazu in Relation, sind elektromobile Senioren keineswegs überrepräsentiert in der Statistik der jährlichen Verkehrstoten.

Ohne Angaben zur Gesamtkilometerleistung der Mobilitätsgattung und ohne Betrachtung der Altersgruppen ihrer Nutzer, inklusive der durchschnittlich im Straßenverkehr zugebrachten Zeit, ist eine Aussage zur Gefährlichkeit eines Fahrzeugtyps eindimensional und kontextlos.

Schützen statt verunsichern

Bevor also große Stimmen wie die Allianz mit Halbwahrheiten Stimmung machen und für Verunsicherung sorgen, sollten sie sich vielleicht den Ursachen für die Verkehrsunfälle zuwenden. Die liegen nämlich noch immer überwiegend bei Regelverstößen anderer Verkehrsteilnehmer. Sicherer wird der Straßenverkehr für Radfahrer und Fußgänger nur dann, wenn weiterhin an den Rahmenbedingungen gearbeitet wird, die wachsende Zahl schwächerer Verkehrsteilnehmer durch eine angemessene und zeitgemäße Infrastruktur besser zu schützen.

So wie der pressedienst-fahrrad seinem Wesen nach das Gute am Radfahren betont, lebt eine Versicherung vom Geschäft Angst gegen Geld. Der Blick aufs ganze Bild allerdings macht deutlich: Grundsätzlich profitiert der Einzelne genauso wie die gesamte Gesellschaft von jedem Kilometer, der auf dem Fahrrad zurückgelegt wird. Radfahren macht die Menschen gesünder, leistungsfähiger und glücklicher. E-Bikes leisten dazu einen großen Beitrag, nicht zuletzt, weil sie einen Teil der älteren Bevölkerung wieder oder überhaupt erst in den Sattel bringen. Dass so Gesundheitsfolgekosten reduziert werden und Lebensqualität erhöht wird, darf man nicht aus dem Blick verlieren. Individuelle Energie und Lebensfreude aber lassen sich statistisch nur schwer erfassen.

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