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Schlaflos im Sattel 2009
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Freitag, 14. August 2009

Mit Pampers in die Poleposition

Lässig lehnt Tim gegen sein Mountainbike. Der Torbogen am Rande des Fußballfelds gibt spärlichen Schatten in der brütenden Nachmittagssonne am ersten Augustwochenende. Tims Puls rast. Deutlich definiert sich seine Halsschlagader bei jedem Herzschlag. Der Körper bebt, doch Tim gibt sich gelassen: „Der Downhill war schon knifflig, aber die Anstiege waren locker“, diktiert der Neunjährige in die Notizblöcke der beiden Journalisten. Tim hat gerade das Mountainbike-Rennen der „Unter-10-Jahre“-Klasse der fünften Auflage von „Schlaflos im Sattel“ gewonnen. Die beiden Reporter, Moritz und Oskar, interessieren sich für alle Details. Schnell verlieren sie die gebührende Distanz zwischen Reporter und Reportage-Gegenstand. Das kann man ihnen nicht verdenken, schließlich sind die beiden kaum sechs und sieben Jahre alt und als „Nachwuchsreporter“ des pressedienst-fahrrad unterwegs. Hier folgt ihr Bericht mit ein paar „elterlichen“ Ergänzungen.

„Seit ich fünf Jahre alt bin, fahre ich mit dem Mountainbike“, erzählt Tim. Er berichtet von den Touren mit seinem Vater Jan im Umland von Bonn. Seit Jahren komme er mit zu „Schlaflos im Sattel“ und zuhause fahre er am liebsten „bei den Rampen im Park“. Oskars und Moritz‘ Augen leuchten, Anerkennung und Neid mischen sich in ihren Blicken. Die Gefühlslage ist für beide schwer auszuhalten. Instinktiv flüchten sie und schlendern weiter durch das riesige Zeltlager auf dem Sportplatz. Sie stoßen auf Marcel. Auch er ein Gewinnertyp; er hat die Konkurrenz beim Rennen der „Über-Zehnjährigen“ deklassiert. Und steht noch eine halbe Stunde nach dem Rennen voll im Schweiß. Das Jan Ullrich-Trikot ist total nass. Seit sieben Jahren fährt der Zwölfjährige Mountainbike. „Was willst du später einmal werden?“, fragt Moritz. „Mountainbikeprofi!“, antwortet der Teenie aus St. Wendel genauso bestimmt wie erklärungsarm. „Und wie oft trainierst du dafür?“, hakt Oskar nach. „Weiß nicht genau, vielleicht dreimal die Woche. Am liebsten fahre ich mit meinem Vater.“ Der heißt Udo und hat fest vor, im nächsten Jahr mit seinem Sohn beim Nachtrennen des „Schlaflos im Sattel“ zu starten. Das ist das eigentliche Rennen dieses Wochenendes, der Name ist dabei Programm: Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang haben die Fahrer neun Stunden Geländesport vor sich. Doch dazu später mehr, erst einmal ein Rückblick auf das Kinderrennen.

Mit Pampers in die Poleposition

Früh übt sich, hat Max gedacht und rollt als einziger Fahrer mit einem Vierrad zur Startaufstellung. Seine Eltern bugsieren ihn „aus Sicherheitsgründen“ ganz nach hinten im Fahrerfeld. Schließlich soll ihn keiner übersehen oder gar überfahren. Auf seinem „Wutsch“, einer vierrädrigen Laufradvorstufe von Puky, steht Max am Start des Unter-Zehnjährigen-Rennens. Mit frischem T-Shirt und frischer Pampers … Max ist 16 Monate alt und chancenlos im Rennen, doch den Publikumspreis hat er sicher. Während das Starterfeld bereits am Ende der Aschenbahn verschwindet, stößt er sich mit durchaus sportlichen Stößen ab und bringt sein „Wutsch“ bis zur Startlinie unter dem Torbogen. Die Menge jubelt und grölt, als wäre es die Ziellinie. Man prostet ihm zu. Jubelschreie und Toste erklingen. Die emsigen Eltern schnappen sich Max und sein Mini-Quad, kürzen ab und bringen den Sohnemann am Anstieg der „Unter-Zehnjährigen-Runde“ wieder auf die Strecke. Er erklimmt die fünf Meter und rollert schließlich durch ein Spalier tosender Mountainbiker, die am Weg zur Biertheke stehen. Aus diesem Stoff werden Helden gemacht.

Wer brav ist, wird um den Schlaf gebracht!

Die Sieger Marcel und Tim haben nur beim Rennen die Sau raus gelassen, „denn wenn die beiden wirklich brav sind und auf ihre Papas hören, dann dürfen sie sogar beim richtigen Schlaflos im Sattel eine Runde mitfahren“; berichtet Oskar. Der Neid in seinem Blick ist unübersehbar. „Wow, auf die große Runde mit der wilden Abfahrt zum Sportplatz“, platzt es auch aus Moritz raus. Die beiden hatten sich mit ihren Vater am Vormittag selbst Richtung Zieldownhill aufgemacht. Ihren Versuch, diesen hinaufzufahren hatten sie nach wenigen Metern aufgegeben – „zu steil und viel zu gefährlich“. Moritz hat diese „Nichtbefahrung“ gut weggesteckt, schließlich hatte er den Schuldigen für sich schnell ausgemacht. Er war auf einem Hercules Straßenrad mit Drei-Gang-Nabenschaltung („Robo 2.4/3“) unterwegs. Und drei Gänge sind im Gelände einfach zu wenig, hat er direkt im Anschluss befunden. Anders geht es Oskar. Er ist an diesem Wochenende mit dem Rookie Team Edition in 24“ von Haibike unterwegs. Das ist ein Hardtail mit bissigen, hydraulischen Scheibenbremsen (Tektro Auriga Comp), einer straffen Federgabel (Suntour XCR) und 24 Gängen (Mix aus Shimano und Suntour-Komponenten). Kurz: Mit diesem Bike kann der Nachwuchs richtig durchs Gelände zischen. Wenn‘s nicht klappt, dann liegt es kaum am Rad.
Mittlerweile interessieren sich Moritz und Oskar kaum mehr für die Rennfahrer: Ein besonderes Mountainbike hat ihre volle Aufmerksamkeit erlangt. Stutzig legt Oskar seine Hand auf den Reifen: „Ist der Reifen dick, da passen ja zwei Hände drauf!“ Jürgen aus Köln freut sich sehr am Interesse der beiden Jung-Reporter und erklärt geduldig alle Fragen. „Das Rad ist eigentlich für Schneerennen erfunden worden. Die vier Zoll breiten Reifen sinken weniger tief in den Schnee und so kommt man besser damit voran. Das funktioniert auch gut auf Sand und Matsch. Außerdem macht es großen Spaß, damit auch im normalen Wald herum zu fahren.“ Ungläubig wenden sich Moritz und Oskar ab. Die Probefahrt obliegt dem Vater. Der amüsiert sich köstlich mit den Breitreifen und attestiert dem Rad maximalen Komfort auf Schotter und Lochplatten; es ist auf der Wunschliste notiert. „Aber Papa, das Gleiche sagt David über seinen 29er auch“, gibt sich Oskar als Mountainbike-Fachmann aus. „Stimmt“, antwortet der Vater und erklärt, dass das „Nine Solo“ von Felt, mit dem David in der Nacht bei SiS fahren wird, durch den großen Reifendurchmesser zu seinem Fahrverhalten kommt und mitten im Trend liegt, während die vier Zoll-Reifen von Jürgen zwar kaum versinken, aber relativ schwer und nicht wirklich günstig sind. Aspekte wie Ersatzteilversorgung, Beschleunigung oder Losbrechmomente bleiben bei der Ausführung jedoch unerwähnt.

Was ist das eigentlich für ein Mountainbike-Rennen, wo Kinder wie Eltern gleichsam Spaß haben? Oder:

Weidenthal ist, was Prenzlauer Berg gerne wäre

Es gibt Plätze auf dieser Erde, die gelten als Hotspots. Dort sollen die Trends, Farben und Formen von morgen zu finden sein, die kurze Zeit später in den Lifestyle-Zeitschriften und Mode-Ketten dominieren. Ist ein solcher Platz benannt, so ist dies ein sicherer Beweis dafür, dass die Location ihre Aura verloren hat … „Zu viele Nerds, Touris und Normalos“, feixen die Trendsetter und sind längst weitergezogen. An den Theken der ehemaligen In-Kneipen prosten sich nun Bankkauffrauen aus Mannheim und Bottroper Versicherungsvertreter mit „Marco Polo“-Reiseführern in der Tasche ihrer Jack Wolfskin-Cargo-Pants zu. Die volle Trostlosigkeit solcher Plätze entfaltet sich in 250.000er Auflage unter dem Signet „Insidertipp“.
Auch Mountainbike-Rennen leiden unter solchen Umständen: Transalp kann jeder, 24-Stundenrennen sind ein alter – voll durch-kommerzialisierter – Hut und Freeriden kann in der Vorstellung der meisten Rechtsanwalts-Biker nur in British-Columbia wirklich cool sein …

Falsch gedacht! Die „Szene“ ist weitergezogen. Und zwar nicht nach B. C., sondern nach Weidenthal in die Pfalz. Unbemerkt von Mosers-Bikeführern und allzu forschen Reiseveranstaltern finden Mountainbiker bei „Schlaflos im Sattel“, was sie im Leben sonst allzu oft vermissen: Freunde, ein Bühne, einen guten Mountainbike-Kurs für Fahrten mit selbst skalierbarem Leistungsdruck zwischen Feierabendrunde und Spitzensport – und vor allem eine Stimmung, die diese Gegensätze einfängt und eine kaum in Worte zu fassende Kollegialität verbreitet. Für 72 Stunden ist im Erdbeertal die Welt, wie sie sein soll: Jeder hat seinen Spaß, jeder darf sein wie und was er will und eine unbeschreibliche Moral sorgt dafür, dass keiner unter der Entfaltung des Anderen leiden muss oder gar Schaden nimmt. Das erklärt, warum fast 50 Kinder von ihren bike-begeisterten Eltern mitgebracht wurden. Das Mastermind hinter SiS ist Christian Krämer, in der Szene „Phaty“ genannt. Er ist unangetasteter Gralshüter dieser Moral und damit der Stimmung vor Ort. Das ist undemokratisch, aber effektiv. An Machiavelli geschult variiert er virtuos Zuckerbrot und Peitsche. Er hat eine Vision der perfekten Fahrradveranstaltung und der nähert er sich in jedem Jahr mit kleinen Schritten weiter an. Und bei jeder Auflage des SiS gehen mehr Menschen mit, denn auch dies vermissen sie im echten Leben: Machthaber mit Visionen, Authentizität, der Energie für mitunter unbeliebte Entscheidungen und mit dem Einsatz und Sinn für die Gemeinschaft.

Bergarbeiterradeln

„Bist du ein Bergarbeiter?“, fragt Oskar David aus Papas Team. „Quatsch, ich bereite mich auf das Nachtrennen vor“, antwortet der. „Braucht denn jeder Biker ein solche Lampe?“, will Oskar wissen. „Es besteht Lichtpflicht, aber es ist egal, wo die Lampe montiert ist“, sagt David, der zum fünften Mal bei SiS dabei ist und wie in den letzten vier Jahren sogar auf dem Rad angereist ist. Eine Lampe auf dem Helm leuchte nicht nur in Fahrtrichtung, sondern auch in Blickrichtung, erläutert er weiter, korrigiert den Winkel des Gasentladungsstrahlers Big Bang von Busch & Müller (www.bumm.de) und erklärt den Kindern: „Auf der Straße, etwa auf dem Weg zur Schule, genügt eine Lampe an der Gabel oder am Lenker, im Gelände ist eine richtig helle Helmlampe aber am besten.“

Wie der Vater, so der Sohn

„Warum fährst du ohne Schaltung?“, fragt Moritz Mike Hahn, Spross der Singlespeed-Koryphäe „mipmip“. „Bis vor einiger Zeit bin ich auch viel mit Schaltung herum gefahren, doch dann hatte ich den Dreh auf einmal raus und hab gemerkt, wie weit ich auch ohne Schaltung am Berg komme“, so Mike. „Ist man damit nicht bergab total langsam?“, will Moritz wissen. „Bei leichten Abfahrten und beim Downhillfahren macht die Schaltung vielleicht schneller – doch die meisten Fahrer sind langsam, weil sie bergab bremsen. Mit dem Singlespeeder muss man es einfach rollen lassen und schon ist man auch schnell unterwegs“, glaubt Mike und will im nächsten Jahr, wenn er 14 geworden ist, auch beim Nachtrennen an den Start gehen. Natürlich ohne Schaltung, aber mit Vaters Segen. Der ist sogar schon mit dem Eingang-Geländerad über die Alpen gefahren.

Arm (und Mama um die Wahrheit) geprellt

Matthias steht im Schatten des Torbogens. Er hält sich den rechten Arm. Sein Gesicht ist verkniffen: Der Junge in ihm will weinen, vor Schmerz und Wut, der Teenie in ihm ist voller Anspannung bemüht, die Fassung zu wahren: Cool bleiben, den Gefühlen kein Ausfalltor bieten. Da kommen ihm die beiden Reporter gerade recht. Reden lenkt ab: „Es war nach dem ersten Berg, wir fuhren gerade schön schnell, da hat der Junge hinter mir mit seinem Vorderrad mein Hinterrad berührt“, stottert Matthias. „Ich hatte keine Chance und bin sofort gestürzt.“ Immer noch ist er sauer, lag er in dem Moment doch auf dem dritten Platz. Moritz will wissen, ob der Arm gebrochen ist und bohrt weiter „Bekommst du eine Spritze?“ – „Nein, ein Arzt hat sich meinen Arm schon angeschaut, es ist eine leichte Prellung, kein Grund zur Sorge. Papa meint, wir brauchen das nicht einmal Mama erzählen.“

Woodstock, Wacken, Weidenthal – drei Orte, eine Botschaft: Mach‘ dein Ding, Politik wird es von alleine!

Die üblichen Rennen starten mit einer Pasta-Party am Vorabend, dann gibt es Sport und im Nachgang werden Sekt und Bier gereicht. SiS startet mit einem Punk-Rock-Konzert. Die Band Schlammbein schreibt eigens für das Rennen jedes Jahr einen Song. Um fünf Uhr gehen die letzten Freaks ins Bett und um sieben beginnt für manche Eltern bereits der Tag. Ausnüchtern fällt nicht selten aus. Am Samstagnachmittag gibt es ein Singlespeed- und zwei Kinderrennen. Am Abend – wenn die meisten sich vom Vorabend erholt haben – schwingen sich knapp 500 Radler in den Sattel und fahren solo, als Zweier-Mannschaft oder im Vierer-Team durch die Nacht: „Schlaflos im Sattel“ eben.

Sonntagmorgens um gegen 8:00 Uhr ist Siegerehrung und anschließend treten die meisten den Heimweg an! Klingt nach einer unpolitischen Veranstaltung. Weit gefehlt: Wenn Spitzensportler neben Radhedonisten in Cargo-Pants mit Fluppe und Dosenbier auf dem gleichen Kurs fahren und sich in ihrer Unterschiedlichkeit akzeptieren, aufeinander Rücksicht nehmen und sich gegenseitig anfeuern, dann werden „die Gesetze des formalen Radsports“ ebenso außer Kraft gesetzt wie jene der „Freizeitrepublik Deutschland“. Es entsteht jene völkerverbindende Atmosphäre, wie sie einst Pate bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit standen. Ein Postulat der Toleranz und eine Ode an das Mountainbiken in all seinen Facetten!

„Eislaufeltern“ unerwünscht

„Alle Kinder, die bei einem Rennen mitgefahren sind, treffen sich am Torbogen“, ruft Phaty durch die Boxen. „Geschwister und Eltern sind auch willkommen. Eislaufeltern sind unerwünscht!“, ergänzt der bissige Chef von SiS und spielt damit auf manche allzu ehrgeizigen Eltern an, die ihren Kindern Leistung abfordern und damit Spaß vertreiben. Das sieht der Saarländer übrigens auch bei den Erwachsenen nicht gerne. Auf überbordenden Ehrgeiz reagiert er allergisch, altersunabhängig.
Aus allen Richtungen strömen Kinder mit ihren Eltern im Schlepptau. Die meisten haben ihren Eltern bereits ein Eis oder eine Fanta als Teilnahmeprämie abgerungen. Jetzt verteilt Phaty aus vollen Kartons Werberucksäcke, die mit allerlei mehr oder minder sinnvollen und nützlichen Give-Aways gefüllt sind. Einmal mehr gefällt er sich in der Gönnerrolle und weiß die Gunst der Stunde zu nutzen, um sich auch in die kleinen Herzen einzuschleichen – die großen hat er schon gestern bei der ersten Ansprache alle samt erobert: „Jeder darf auch seiner Schwester oder seinem Bruder einen Rucksack mitbringen“, ruft er durchs Megaphon. Die Kleinen jubeln, die Eltern atmen auf! So ist allen Neiddebatten beim Abendbrot ein sicherer Riegel vorgeschoben.

Oskar und Moritz trotten zur Startnummernausgabe. Hier sitzt Eva, eine der unzähligen freiwilligen Helfer bei „Schlaflos im Sattel“. Ihre rechte Hand schmerzt bereits, musste sie doch in der vergangen Stunde über 50 Urkunden ausfüllen. Auch die beiden Nachwuchsreporter sehen ihr Rennen erst wirklich beendet, wenn sie ihre Urkunde in den Händen halten. Geduldig warten sie, ein Weingummi, das Eva zur Beruhigung der Dreikäsehochs reicht, tut sein Übriges dazu.

Nicht für Indianer und Kinder: Der Schwur

Samstagabend. Es dämmert im Tal, die Sonne verschwindet hinter dem dicht bewaldeten Hang. Zum ersten Mal unterwandert eine sportive Geschäftigkeit die Spaßatmosphäre. Über 500 Leuchten erhellen die Aschebahn. Noch sieben Minuten bis zum Start von „Schlaflos im Sattel“. Phaty holt zur rituellen Salbung der von pseudokollegialitätsgeschundenen Seelen aus. Einige wenige besorgte Eltern halten ihren Kindern vorsorglich die Ohren zu. Das Megaphon ist auf maximale Lautstärke gedreht: „Ich schwöre …“, ruft Phaty hinein. Ein Chor aus siebenhundert Kehlen retourniert: „Ich schwöre!“ Und Phaty wieder: „dass ich mich auf dem Trail …“ – ein vehementes Echo bringt das Tal zum Beben: „… dass ich mich auf dem Trail …“– „nicht wie ein Arschloch benehmen werde“, setzt der sympathische Kotzbrocken nach. Die Freude an solch initiierter Verbands- und Gesellschaftskritik ist ihm anzusehen. Der Chor erreicht seinen Maximalpegel: „nicht wie ein Arschloch benehmen werde“, hallt es nach. Es folgt eine detaillierte Beschreibung der Selbstjustiz, die etwaigen moralischen Fehltritten während des Rennens stante pede folgen, samt der Androhung einer lebenslangen SiS-Sperre. Der Schwur tut seine Wirkung: Auch die Echtsportler unter den Startern machen sich wieder etwas lockerer.
Unter dem Schuss eines lokalen Brauchtums-Kanoniers starten die ersten Fahrer. Tandems, Cyclo-Crosser, Mountainbikes, sogar ein Geländeeinrad und ein Liegerad machen sich auf den 11,6 Kilometer langen Kurs. Eine Schar von rund 150 bis 200 Rücklichter verschwindet im Staub. Kaum 26:05 Minuten später ist der erste Fahrer zurück, manch anderer wird (von Schiebepassagen, Bierpausen und Kippenrast unterbrochen) erst einige Stunden später wieder unter dem Torbogen durchfahren.

Nach meiner ersten Runde im „GST-Team“ – zusammen mit Mila, David und Henri – bringe ich die beiden müden Nachwuchsreporter gegen 22:00 Uhr ins Bett, also in den Schlafsack. Die Nacht hindurch wird geradelt und gefeiert. Um 7:00 Uhr raschelt es im Zelt und Moritz fragt: „Papa, warum siehst du so müde aus? Hast du schlecht geträumt?“ – „Ich habe gar nicht geschlafen!“ – „Wieso, das Rennen war doch gestern Nachmittag!“

„Schlaflos im Sattel“ kompakt:

Freitag: Anreise und Party mit Konzert von „Ironkid“ und „Schlammbein“
Samstag: Streckenbegehung (11:00 Frühaufsteher, 18:00 alle), 15:00 Uhr Singlespeed-Meisterschaft, 16:00 Uhr Kinderrennen; 20:52 Uhr Start von „Schlaflos im Sattel“
Sonntag: bis 5:59 Uhr „Schlaflos im Sattel“, 8:00 Uhr Siegerehrung, anschließend Ausschlafen/Abreise

Startgebühr: Einzelstarter: 40 Euro, Zweierteams: 35 Euro je Fahrer, Viererteams: 30 Euro je Fahrer
Teilnehmerzahl: limitiert (extrem hoher „Dauerkartenanteil“, selektiv-subjektive Vergabe der Restplätze)
Infos: www.schlaflosimsattel.com
Region: Hinter dem Erdbeertal, in dem SiS stattfindet, beginnt der Mountainbikepark Pfälzerwald ( http://www.mountainbikepark-pfaelzerwald.de ), mit der Saison 2010 stockt dieser sein Wegnetz von 300 auf 1000 Kilometer auf… feinstes Terrain, wie wir bei SiS erfahren durften!

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