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Reportage: „Die Schönheit der Erde wartet überall“
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Dienstag, 14. Mai 2019

[pd‐f/sth] Mit einem E‐Bike und einem Anhänger für ihren Hund ist eine junge Frau aus Hessen zu einer halbjährigen Reise aufgebrochen. Ein räumliches Ziel hat sie nicht – aber ein ideelles: Für nachhaltiges Reisen werben und für den Reiz auch nahegelegener Ziele. Der pressedienst‐fahrrad fuhr die ersten Kilometer mit.

Unbekümmert. Das ist das Wort, das nach der Begegnung mit Iris‐Lahaar Joschko zurückbleibt. Sie dreht sich noch einmal kurz im Fahrradsattel um, die Andeutung eines Winkens, und dann fährt sie weiter mit ihrem schwer beladenen Stevens-Pedelec aus dem Lahntal nach Westen zur Aartalsperre hoch. Zuri, der Hund, der seit Marburg kilometerweit nebenher getrabt ist, hat wieder in seinem Anhänger Platz genommen und guckt mit dem Kopf aus dem Verdeck des Croozer „Dog L“. Mit diesem Gespann will die 31 Jahre alte promovierte Umweltpsychologin in den nächsten Monaten Europa bereisen – um auch andere für nachhaltiges Reisen zu begeistern, um selbst die Schönheit dieser Erde intensiv zu erleben und als Belohnung für den Hund.

Vier Räder und sechs Beine

Zuri ist ein weiblicher Australian Shepard, vier Jahre alt. Der Name der Hündin ist dem Suaheli entnommen und bedeutet hübsch, schön, gut. Eigentlich alles Positive ist zuri; allerdings kann das Wort auch „lecker“ bedeuten. Davon weiß das ebenso lebhafte wie anhängliche Tier natürlich nichts, genauso wenig womöglich wie davon, dass in seinem Kopf ein Tumor wächst. Sechs Monate alt war die junge Hündin, als ein rasch wachsender Hirntumor bei ihr diagnostiziert wurde. Die Ärzte gaben dem Tier damals noch maximal ein Jahr zu leben, und das als günstigste Prognose. Davon ist nichts zu merken, wenn der Hund begeistert neben dem Fahrradgespann her galoppiert. Der Tumor, der sich in den Rachenraum ausdehnt, ist schon operativ verkleinert worden, und sein Wachstum hat sich nach den Beobachtungen von Iris Joschko verlangsamt.

Umweltpsychologie in der Theorie …

Ein kurzer Stopp auf einer Brücke über einen kleinen Zufluss der Lahn: Der Hund entdeckt das Wasser, stürmt hin, trinkt und nimmt ein Bad. Zuri ist wirklich, wie seine Gönnerin sagt, voller Lebensfreude, Tatendrang und Abenteuerlust. Man kann sich kaum vorstellen, dass diese Dauerläuferin jahrelang geduldig neben dem Schreibtisch von Iris Joschko saß, während diese ihre Doktorarbeit schrieb: „Zielgruppenspezifische Interventionen zur Energiereduktion“. Was hat man sich, bitteschön, unter Umweltpsychologie vorzustellen? Antwort: Ein noch eher junges Fach der Psychologie, das die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt in den Blick nimmt und versucht, Einstellungen und praktisches Handeln im Sinne eines nachhaltigen Umgangs mit den Ressourcen durch Methoden anderer psychologischer Disziplinen zu beeinflussen. Konkret ging es bei der Arbeit von Iris Joschko darum, für die Bevölkerung der Stadt Frankfurt am Main ein Set zu entwickeln, das die Benutzer eher spielerisch über ihren Umgang mit elektrischer Energie aufklärt und zu einem bewussteren Verbrauch anregt.

… nachhaltig Reisen in der Praxis

So kommt die Art, wie Iris Joschko reist, nicht von ungefähr. Sie liebe das Neue, Abenteuerliche und Unbekannte, sagt sie. Mit ihrer Reise, die ganz grob erst einmal als Runde in Europa und bis September 2019 projektiert ist, wolle sie zeigen, wie leicht es ist, auch ohne Auto und Flugzeug einen reisenswerten Urlaub zu machen. Wirklich feste Ziele hat sie dabei nicht, die werden sich unterwegs ergeben, meistens von Begegnung zu Begegnung. „Die Schönheit der Erde wartet überall auf uns. Wir müssen nicht zu den sogenannten angesagten Urlaubszielen fahren“, sagt Iris Joschko. Ja, wahrscheinlich wird sie nach Italien mit ihrem E‐Bike von Stevens radeln, vielleicht kommt sie auch nach Slowenien, denn da wollte sie, die praktisch die ganze Welt bereist hat, immer schon mal hin. Aber jetzt geht es erst einmal nach Mainz und von dort aus die Route entlang des Rheins und dann in die Schweiz. Die ersten Etappen wird sie mit einer Freundin zusammen fahren, weil die den Rhein‐Radweg befahren wollte. Und wenn die Europa‐Runde gelingt, ist für das kommende Jahr Kanada im Visier: Im Sommer 2020 mit dem Schiff über den Atlantik und dann mit Zuri von einer Seite des Kontinents auf die andere radeln. Solche Reisen sind für Iris Joschko viel mehr als ein Freizeitvergnügen. Als Mitglied der europäischen Climate KIC Alumni Association versteht sie sich auch als Aktivistin gegen den Klimawandel. Sie will „Radreisen als nachhaltige Fortbewegung unter den verantwortungsbewussten und nachhaltigkeitsorientierten Menschen sichtbarer machen“.

Ein neues Vehikel in einer langen Reise‐Vita

Die Natur übt auf die im beschaulichen Nordhessen, in dem unter anderem durch seine mittelalterliche Klosteranlage mit einer bedeutenden frühgotischen Kirche bekannten Haina lebende Doktorin, wie sie selbst sagt, „eine wahnsinnige Anziehungskraft“ aus. Mehr noch als mit Worten versucht Iris Joschko durch geradezu atemberaubend schöne Natur‐ und Landschaftsaufnahmen nachfühlbar zu machen, was sie sieht, erlebt und empfindet. Als Fotografin ist sie reine Autodidaktin, bebildert aber inzwischen gekonnt Blogbeiträge unter www.earththebeauty.com und die kurzen Reisenotizen auf ihren Social‐Media‐Kanälen. Das Reisen an sich genauso wie das Fotografieren ist ihr Ding seit dem Ende der Schulzeit. Gleich nach dem Abitur machte Iris Joschko eine Weltreise, die sie tatsächlich einmal um den Globus führte. Radreisen mit Sack und Pack dagegen, darin ist sie noch Novizin. Am Karsamstag ging es endlich los. Pünktlich waren das Rad und der Anhänger für Zuri von den Sponsoren angekommen.

Als Iris Joschko sich am Gründonnerstag nördlich von Marburg um einige Straßenbaustellen herum gekämpft hat und wir uns radelnd in Cölbe treffen, ist ihr mittlerweile klar geworden, dass die Gewichtsverteilung auf dem weißen „E‐Triton Lady“ von Stevens alles andere als optimal ist. Praktisch das gesamte Gepäck, und das heißt unter anderem eine bis hin zum Kochgeschirr komplette Campingausrüstung und Kommunikationselektronik samt Drohne für Videos und Solarpanel und auch ein zweiter Akku fürs E‐Bike, türmt sich über dem Hinterrad. Der Bosch‐Mittelmotor Performance Line CX schafft mit seinen 75 Newtonmeter Drehmoment das Gewicht zwar anstandslos über das steile Holperpflaster in die malerische Marburger Oberstadt. Aber das Parken vor Radsport Glock in der Barfüßergasse, für Radfahrende sozusagen das erste Haus am Platz, erweist sich als kleines Kunststück: Der Seitenständer vermag das Rad kaum zu halten. Artig legt sich Zuri dazu und passt schön auf, während Torsten Glock der Reisenden in dem traditionsreichen Laden erklärt, weshalb er, als Fachmann in der vierten Generation, ihren Plan, sich an die Federgabel einen Lowrider für weitere Gepäcktaschen von Ortlieb schrauben zu lassen, nicht unterstützen mag. Also bleibt es an dieser Station lediglich beim Erwerb eines Rückspiegels, fraglos eine vernünftige Anschaffung, wenn frau unterwegs nicht nur den rückwärtigen Verkehr, sondern auch den Hund im Anhänger im Auge behalten will.

Radreise aus Hundesicht

So richtig hat sich Zuri noch nicht an ihren Fahrradanhänger gewöhnt. Da hat jeder Vierbeiner sein eigenes Tempo und braucht mitunter einige Zeit zur Eingewöhnung. Da kann das gute Stück von Croozer für Hund und Herrin noch so komfortabel sein mit Patentkupplung und Feststellbremse, niedrigem Einstieg und gleich mehreren Öffnungen, um rauszugucken oder sogar den Kopf in den Fahrtwind zu halten. Anscheinend findet die Hündin das Gefahrenwerden etwas langweilig. Einige Tage später wird Iris Joschko von unterwegs berichten, dass sie ihren Hundetrailer zumindest teilweise auch als Transportanhänger nutzt und er nun das Rad kräftig entlastet. Als es am Abend unserer Begegnung von Marburg aus nach Niederweimar und Ruttershausen weitergeht, läuft Zuri schier unermüdlich mit 15 km/h neben dem Gespann her. Wie es für Hunde ihrer Art typisch ist, hält sie dabei stets sorgfältig Kontakt zum Rudel oder dem, was sie für ihre Herde hält, und vergewissert sich spätestens an der nächsten Wegbiegung, dass noch alle beieinander sind. Autos und radelnder Gegenverkehr, alles kein Problem für Zuri: Sie hält sich rechts. Die Zunge hängt ihr raus, aber das Laufen macht ihr sichtlich Spaß. Und wenn der Fahrbahnrand auf dem Lahn‐Radweg es zulässt, wechselt die Hündin vom harten Asphalt aufs weiche Gras, ohne auch nur einen Moment lang das Tempo zu reduzieren.

Ihr Hund folgt Iris Joschko, auch wenn er mal ein Paar Schritte voraus läuft. Wo es lang geht, ist für ihn immer klar. Wohin das nachhaltige Reisen die junge Frau verschlagen wird, erscheint nicht so leicht absehbar. Das gilt auch über diese Reise hinaus: Das Fach, in dem sie promoviert wurde, sagt sie, scheine ihr keine berufliche Perspektive zu bieten. Sie wolle eben kein „Laufbahnleben“, sondern weiterhin abenteuerlich und kommunikativ diese schöne Erde erleben. Und so radelt sie davon, unbekümmert eben – aber mit einem Ziel.

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