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„Kultourgut“ Brompton: Über den Erfolg der kleinen Reifen
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Donnerstag, 18. Juli 2019

Anlässlich der bevorstehenden „Brompton World Championship“ am 3. August 2019 erzählt pressedienst-fahrrad-Autorin und begeisterte Bromptonista Karen Rike Greiderer, wie aus einem kleinen Fahrrad ein großer Kultgegenstand wurde.

[pd‑f/krg] Ein Wundern erfasst Neubesitzer eines Brompton-Faltrads bei der ersten Tour: Fremde Menschen zwinkern einem plötzlich am Bahnsteig zu. Senkt man den Blick, blitzt dezent neben dem Hosenbein ein gefaltetes Rad hervor. Während der Fahrt winkt und klingelt man sich zu. Man ist auf einmal Teil einer weltweiten Gemeinschaft, von der man nichts ahnte: Bromptonaut, Bromptonista, Bromifahrer – die Spitznamen variieren nach Region. Sie alle verabreden sich zu Ausfahrten oder treffen sich in Foren zum Tech-Talk und Fachsimpeln; regionale Händler veranstalten Brompton Urban Challenges – eine Art urbane Schnitzeljagd – und auf Reisen öffnet das Rad Türen und Herzen. Es hat sich in der Bike-Community eine eigene Welt etabliert: eine Welt auf kleinen Reifen.

Fan wird zum Produktentwickler

„Ich habe schnell bemerkt, dass die Marke von einer ganz speziellen Zubehör-Welt umgeben wird. Aber manches, was ich mir wünschte, gab es nicht. So haben wir vor knapp drei Jahren mit einer eigenen und nachhaltig gefertigten Fahrer-Produktlinie fürs Brompton angefangen“, erzählt Philipp Elsner-Krause, Geschäftsführer des Accessoires-Spezialisten Fahrer Berlin. Ergebnis dieser Entwicklung ist beispielsweise der variable Frontträger „Front Rack“ (99 Euro). Die dazugehörige puristische Taschen- und Rucksackkollektion verbindet sich ohne reibende Plastikschnittstelle mit dem Frontträger und ist daher besonders abseits des Rades äußerst angenehm zu tragen. „Die Taschenkollektion inklusive Frontträger ist eine Produktinnovation aus eigenem Antrieb“, schildert der bekennende Bromptonaut Elsner-Krause.

So weit, dass jeder Brompton-Fahrer seine eigenen Accessoires designt, ist die Community zwar nicht. Aber die Marke genießt unter ihren Fans einen hohen Status. Um das ein wenig zu erklären, muss man in die Vergangenheit blicken, besser gesagt in das London des Jahres 1975. In einem Schlafzimmer mit Blick auf die Kirche Brompton Oratory tüftelte Andrew Ritchie an einem Rad. Und niemand ahnte, dass dieses Projekt knapp vierzig Jahre später, mitten in der Mobilitätswende, als Kultfahrrad eine weltweite Community zusammenhalten würde. „Das Brompton-Faltrad wurde als unglamouröser, aber maximal alltagstauglicher Nutzgegenstand konzipiert“, schildert Henning Voss, Deutschland-Importeur des britischen Faltradklassikers. „Im Ergebnis steht ein stabiles, kompaktes, agiles und insbesondere schnell faltbares Fahrrad.“

So werden Klassiker gemacht

Die Räder polarisieren im ausgefalteten Zustand durch die spezielle Rahmengeometrie mit der scheinbar ewig langen Sattelstütze und den 16-Zoll-Reifen. Zusammengefaltet (585 x 565 x 270 Millimeter) mimen sie Rollkoffer und ziehen noch mehr Aufmerksamkeit auf sich. Dabei schrieb das Unternehmen anfangs rote Zahlen – und das Rad war ironischerweise auch nur in Rot erhältlich. Heute agiert Brompton global, erwirtschaftet jährlich einen zweistelligen Millionen-Umsatz und das Rad trägt neben einer königlichen Auszeichnung auch wechselnde Farbkollektionen, limitierte Sondereditionen und neuerdings sogar einen Elektroantrieb. Markanter Stahlrahmen, Faltprinzip und Lenkertyp blieben dabei seit 30 Jahren nahezu unverändert. Ebenso wird – nach einem Exkurs ins Umland – in London produziert. Hier werden die Rahmen geschweißt und die Räder von Hand aufgebaut.

Urbane Pendler und Pendlerinnen sehen in einem Brompton eher ein schickes Accessoire mit Mobilitätsgarantie als ein Fahrrad. Beim Kombinieren von verschiedenen Verkehrsmitteln wissen sie die Vorzüge des kompakten Rades noch mehr zu schätzen, da man es umsonst im Öffentlichen Nahverkehr mitnehmen darf. Als praktischer Helfer entpuppt sich dabei der Koffergriff „Händel“ von Fahrer Berlin (29 Euro). Am Rahmen montiert, bleiben Heben und Tragen eines gefalteten Bromptons komfortabel und beim Fahren stört der Griff nicht. Dennoch bleibt er – so praktisch er auch ist – eine Stilfrage. Wie alles beim Brompton. Und damit das gefragte Rad im Zug nicht zum Diebesgut wird, einfach mit einem kompakten, leichten Schloss sichern (z. B. „Bordo Lite“ von Abus, ab 49,95 Euro).

Auch andere Hersteller profitieren vom Kult um die Marke. Durch eine Kooperation des Heilsbronner Taschenspezialisten Ortlieb kamen die sogenannten „O‑Bags“ (275 Euro) auf den Markt. Die wasserdichten Taschen bieten Platz für Laptop und weiteren Bürobedarf und lassen sich einfach am Lenkerblock befestigen. „Kombiniert mit einer wasserfesten Packtasche für den Gepäckträger, bringt man selbst für eine längere Tour genügend Utensilien unter“, sagt Peter Wöstmann von Ortlieb und spielt damit auf die Reisetauglichkeit der kleinen Räder an.

Zweckentfremdung – ja bitte!

Durch sein Rundum-Sorglos-Paket an Zubehör hat sich das kultige Rad also nicht nur in der Alltagsmobilität einen legendären Status erarbeitet. Ein Blick in die sozialen Medien (#bromptontravels) zeigt: Überall auf der Welt definieren Reiselustige das Reisen per Faltrad neu. Dabei spielen lange Distanzen auf dem Rad genauso eine Rolle wie das Kombinieren von unterschiedlichen Mobilitätsangeboten mit dem Faltrad. Das alles kumuliert jährlich in der „Brompton World Championship“. Die BWC konzentriert Exzentrik, Lebensfreude und Zusammenhalt der Community an einem Tag im Hochsommer (3. August 2019) in der Heimat des Faltrades. Die limitierten Startplätze sind heiß begehrt und einen zu ergattern, gleicht einem Glücksspiel: Regionale Championships treffen den Vorentscheid, der Rest passiert per Losverfahren. Weltklasse-Stars aus der Radszene liefern sich dann ein Rennen nebst Jungen und Veteranen. Allen gemein ist ein verpflichtender Dresscode: der Gentleman in Sakko, Hemd und Krawatte und die Lady im Kostüm. Passend zum flotten Outfit macht sich der Falthelm „Fuga“ von Closca (120 Euro, profillose Schwalbe „Kojak Tan Wall“-Reifen im Retro-Look geben dem Rad mehr Flair (28,90 Euro pro Reifen). Und wer aus Gewichtsgründen auf das Schutzblech verzichtet, der greift zum „Ass Saver“ der gleichnamigen Firma (ab 9,90 Euro). An alles ist also gedacht.

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