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Mehrwertsteuersenkung: Wer profitiert beim Fahrradkauf?
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Freitag, 10. Juli 2020

Am 1. Juli trat die Senkung der Mehrwertsteuer auf 16 bzw. fünf Prozent in Kraft. Wie kommt die Konjunkturmaßnahme in der Fahrradbranche an, die bislang als eine von wenigen gut durch die Corona-Phase gekommen ist? Wie werden die Maßnahmen umgesetzt? Der pressedienst-fahrrad hat sich bei Branchenvertretern und Experten umgehört.

[pd‑f/tg]E‑Bike-Produzent Riese & Müller ließ bereits Anfang Juni verlautbaren, dass die Mehrwertsteuersenkung komplett an Kaufinteressierte weitergereicht werde. Dafür wurden die Brutto-Preisempfehlungen entsprechend dem reduzierten Steuersatz verringert, die Netto-Preisempfehlungen blieben jedoch unverändert. „Wir halten es in unserer Branche, die zurzeit einen Boom erlebt, für richtig, dass diese Maßnahme zu 100 Prozent bei den Fahrern unserer E‑Bikes ankommt“, begründet das Unternehmen den Schritt. Einen anderen Weg geht der fränkische Mountainbike-Hersteller YT Industries. Der Online-Anbieter hat sich dafür entschieden, die Verkaufspreise unverändert zu lassen und dafür den Steuervorteil an ausgewählte Bike-Communities zu spenden. Das sorgte allerdings für so manch Gegenwind. „Dessen waren wir uns bewusst, weil es auch unser Prinzip ist, für kontroverse Diskussionen zu sorgen. Nach der anfänglichen Welle hat sich das aber ins Positive gewandelt. Das Verständnis ist da“, erklärt Brandmanager Sebastian Maag. Mittlerweile hätten sich auch rund 30 Projekte um die Zuwendung beworben.

Handel gibt die Ersparnis weiter

Der gängige Weg in der Fahrradbranche scheint allerdings ein anderer: „Unsere unverbindlichen Preisempfehlungen bleiben bestehen“, sagt Pressesprecher Alexander Kraft vom Liegeradhersteller HP Velotechnik. Der Steuervorteil werde vom Fachhandelspartner gewährt, der einen Rabatt von 2,5 Prozent auf den Listenpreis gibt. Einen Weg, den auch Zubehörhersteller gehen. „Wir haben unsere Preislisten nicht geändert, weil der Aufwand sehr hoch ist. Wir haben es dem Händler freigestellt“, so Sarah Baukmann vom Luftpumpenhersteller SKS Germany. Auch beim Lichtexperten Busch & Müller habe man zwar eine Empfehlung ausgesprochen, aber die Entscheidung liege am Ende beim Fachhandelspartner – der im Übrigen nicht verpflichtet ist, die Änderung überhaupt weiterzugeben: „Wir sind aber überrascht, wie verantwortungsvoll die Händler damit umgehen und die Steuersenkung durchführen“, so Sebastian Göttling. Für Dietmar Knust, Vorsitzender beim Verband des Deutschen Zweiradhandels, ist das eine Selbstverständlichkeit: „Die meisten unserer Mitglieder geben die Steuersenkung an den Endverbraucher weiter. Wenn man es nicht tun würde, wäre es ein schlechtes Zeichen der Branche, bei den Erfolgen, die man gerade einfährt.“

Kaufanreize noch nicht zu sehen

Aber bringt die Steuerersparnis überhaupt neue Kaufanreize? Bei einem Liegerad mit einem Nettopreis von 10.000 Euro bedeutet die reduzierte Mehrwertsteuer eine Ersparnis von 300 Euro: „Ich weiß nicht, ob bei solchen Summen 300 Euro entscheidend sind“, so Kraft. Bei Zubehör und Accessoires sind die Einsparungen sogar deutlich geringer. „Wir haben Ersparnisse bei unseren Produkten zwischen 25 Cent und vier Euro ermittelt“, so Philipp Elsner-Krause vom Accessoire-Anbieter Fahrer Berlin, der u. a. Taschen und E‑Bike-Zubehör anbietet. Das Unternehmen unterhält einen eigenen Online-Shop und hat dort die Preise entsprechend neu ausgewiesen. Es war ein großer Aufwand, der bislang nichts eingebracht habe. „Wir merken keine neuen Kaufanreize und auch kein Umsatzwachstum. Wir brauchen die Senkung eigentlich gar nicht, weil es uns als Branche gut geht“, sagt der Geschäftsführer deshalb. Andere Branchen würden aus seiner Sicht erst profitieren, wenn die Maßnahme auf zumindest zwölf, wenn nicht sogar 24 Monate verlängert werde. „Erst dann machen große Investitionen Sinn.“ Deshalb stehen auch Verbraucherschützer der Maßnahme kritisch gegenüber: „Wir hätten uns andere Entlastungen als sehr viel wirkungsvoller vorstellen können. Das Hin und Her für ein halbes Jahr lässt viel vom eigentlichen Effekt verpuffen“, findet Dr. Mechthild Winkelmann, Pressereferentin bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Verbraucher sind verunsichert

Generell hat die Mehrwertsteuersenkung für eine große Unsicherheit bei Kaufinteressierten geführt. „Es gibt einen hohen Erklärungsbedarf, der auch dadurch gespeist ist, dass auf die Endverbraucher eine richtige Marketingwelle eingebrochen ist“, so Winkelmann. Viele Branchen kämpfen momentan um die neue Kaufkraft und erlassen werbewirksam in Kampagnen gern auch die komplette Mehrwertsteuer. „Geschenkt wird hier gar nichts, es gibt Rabatte“, beurteilt Winkelmann. Man müsse aufpassen, dass man die Kunden nicht zu stark verunsichere bzw. auch nicht an der Nase herumführe, weil sonst der gewünschte Konjunkturaufschwung schnell gestoppt werden könnte. Grundsätzlich sei es aber zu begrüßen, dass sich Hersteller und Händler unterschiedliche Gedanken machen, wie sie die Mehrwertsteuersenkung weitergeben. „Jeder Verbraucher kann am Ende selbst entscheiden, ob er die Idee gut findet und die Effekte für ihn wünschenswert sind“, so die Verbraucherschützerin.

Langfristig weitere Senkung möglich?

Durch die aktuelle Maßnahme könnte allerdings eine andere Diskussion wieder an Fahrt gewinnen: Die generelle Senkung der Mehrwertsteuer für Fahrräder auf sieben Prozent. Dafür machten sich im Vorfeld der Corona-Krise bereits mehrere Fahrradverbände stark, u. a. unterstützte der VDZ die Kampagne. Für Dietmar Knust ist es jetzt allerdings der falsche Zeitpunkt, diesen Vorstoß weiter zu verfolgen. „Unserer Branche geht es gut. Es gibt im Moment andere, die mehr Unterstützung brauchen. Und irgendwer muss die Corona-Ausgaben am Ende bezahlen.“ Man könne jetzt nicht nur auf Kosten der nächsten Generationen wirtschaften. Deshalb wäre es nicht verwunderlich, wenn der Mehrwertsteuersatz bald auf 20 Prozent angehoben werde, schätzt Knust.

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