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Schulfach Mountainbiken
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Mittwoch, 11. August 2021

„Heutige Hausaufgabe: Mountainbiken“ – welche Schüler:innen würden sich über diese Ansage nicht freuen? Was nach einer spaßigen Idee aus einem Youtube-Clip klingt, wird an immer mehr Schulen Realität. Unterricht in der Natur und auf dem Fahrrad ist gefragt und macht den Kindern und Jugendlichen nicht nur Spaß: Auch Werte wie Toleranz und Respekt gegenüber der Umwelt werden vermittelt, wie der pressedienst-fahrrad zeigt.

(pd‑f/tg) Mountainbiken ist an der Realschule Hilpoltstein mittlerweile ein fester Bestandteil des Unterrichts. Fünftklässler:innen können das sportliche Radfahren in der Natur als offizielles Schulfach belegen. Zwei Stunden in der Woche geht es raus auf die Trails rund um das Schulgelände. Jede:r Teilnehmende bekommt dafür ein Rad, das für die Unterrichtsstunden fest zugewiesen ist. Neben dem Fahren müssen sich die Kinder auch um Wartung und Pflege kümmern. Die Schule stellt kostenlos insgesamt 30 solcher Räder zur Verfügung. Gelehrt wird im Unterricht alles von der richtigen Grundposition über gemeinsame Ausfahrten bis hin zu Techniktraining. „Wir haben uns mittlerweile eine Art kleinen Lehrplan erarbeitet“, sagt David Matheisl, der seit zehn Jahren als Lehrer das Projekt betreut. Für ältere Schüler:innen besteht die Möglichkeit, im Rahmen eines Wahlfaches das Gelernte zu vertiefen. Bis zu 40 Kinder können in Kooperationen mit den örtlichen Radsportvereinen nachmittags zwei Stunden im Wald Fahrrad fahren oder am Wochenende das Vereinsangebot nutzen. Ziel des Projektes ist es, zusammen mit den Kindern alle zwei Jahre eine mehrtägige Alpenüberquerung mit dem Mountainbike zu absolvieren. „Dafür wird uns die Bude eingerannt“, berichtet Matheisl von der großen Begeisterung. Aufgrund ihres Angebots wurde die Realschule in diesem Jahr von der gemeinnützigen „Aktion Fahr Rad“ zur „Fahrradfreundlichsten Schule Deutschlands“ gekürt.

Die Nachfrage ist da

Hilpoltstein ist nur ein Beispiel für eine Entwicklung, die sich in den vergangenen Jahren abgezeichnet hat. „Mountainbiken zieht und motiviert die Kinder“, sagt Jochen Först. Der Lehrer begann vor ca. fünf Jahren am Regiomontanus-Gymnasium in Haßfurt damit, eine Mountainbike-AG einzuführen. Heute hat er 50 Bewerbungen von Kindern vorliegen, die freiwillig am Nachmittag ihre Freizeit mit Radfahren verbringen möchten. Mundpropaganda unter den Schüler:innen sorgte dafür, dass das Thema auch über Corona hinaus einen großen Zuspruch behielt. Zum neuen Schuljahr bietet Först ein sogenanntes Projektseminar für ältere Schüler:innen an, um Wissen und Technik noch weiter zu verbessern. „Manche von ihnen sind schon von Anfang an dabei“, freut er sich. Die wachsende Anzahl an Interessierten stellt die Schule jedoch auch vor Probleme: Viele Kinder kommen aus dem Umland und somit nicht mit dem Rad zur Schule, die Anschaffung passender und hochwertiger Mountainbikes ist jedoch teuer. Unterstützung des Landkreises ist notwendig. Hinzu kommen rechtliche und versicherungstechnische Fragen. Bereits der Weg zum Wald ist eine Herausforderung, bei der die Kinder – allerdings unter Aufsicht – die Verkehrsregeln lernen. Först musste deshalb, so wie alle anderen Lehrerkräfte, die ein solches Projekt betreuen, ein Seminar mit Trainerschein absolvieren, damit das Mountainbiken überhaupt als Schulfach angeboten werden darf.

Schüler:innen bauen Bike-Park

Ulrich Fillies, Begründer der Aktion Fahr Rad, kümmert sich deshalb auch um die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften. Seine Erfahrungen: „Anders als an Grundschulen trauen sich an weiterführenden Schulen leider immer noch wenige Lehrkräfte, mit ihren Klassen Rad zu fahren. Das ändert sich allerdings langsam. Es werden immer mehr Schulen, die sich dem Thema widmen.“ Fillies stellt aber auch fest: „Meist braucht es Eigeninitiativen und engagierte Lehrerinnen und Lehrer, um das Thema fest an einer Schule zu etablieren.“ So wie Peter Marschall. Er ist leidenschaftlicher Mountainbiker und unterrichtet an der Staatlichen Realschule Höchstadt/Aisch. Vor rund sechs Jahren begann die Idee einer Mountainbike-AG Form anzunehmen. Mittlerweile ist das Wahlfach fester Bestandteil im Lehrplan. 18 hauseigene Räder stehen den Interessierten zur Verfügung. Auf dem Schulgelände wurde eigens ein Container zur Unterbringung, mit einer kleinen Werkstatt versehen, eingerichtet. Dort lernen die Kinder Tipps zu Service und Instandhaltung der Räder. Auch ein kleiner Pumptrack wurde auf dem Schulhof gebaut. „Die Nachfrage nach dem Angebot ist sehr groß“, so Marschall. Durch die ländliche Lage können die Kinder direkt vom Schulgelände aus in den angrenzenden Wald und auf die Trails starten. Der Lehrer genießt bei seiner Aktion nicht nur die Unterstützung der Schulleitung, sondern auch der Gemeindeverwaltung. In Zusammenarbeit mit der Gemeinde und einem erfahrenen Mountainbiker konnten die Kinder sogar einen eigenen Bike-Park anlegen. „Die Gemeinde hat uns nicht nur einen Grund zur Verfügung gestellt, sondern auch kostenlos einen Bagger samt Fahrer sowie das benötigte Material. Die Unterstützung war phänomenal“, freut sich Marschall.

Konflikte frühzeitig vermeiden

Die Lehrenden kennen jedoch auch die konfliktträchtige Seite des Mountainbikes. Es gebe beispielsweise immer wieder Diskussionen mit den örtlichen Waldbesitzer:innen bezüglich der richtigen Wegenutzung oder mit Wander:innen und Spaziergänger:innen. „Die Umwelterziehung und das respektvolle Miteinander sind immens wichtig. Keine illegalen Bauten, nur Wege fahren, die bereits da sind – das geben wir den Kindern mit. Und wenn jemand sagt, da darf man nicht fahren, ist das zu akzeptieren“, sagt David Matheisl. Zwar werde die Schüler:innengruppe von anderen Waldnutzer:innen meist fröhlich gegrüßt, aber die Kinder müssen auch dahingehend vorbereitet werden, eigenständig im Wald unterwegs zu sein. „Wenn man mit 30 km/h an Spaziergehenden einfach vorbeifährt, hat das eine andere Wirkung, als wenn man defensiv hinfährt und sich bemerkbar macht“, ergänzt Marschall. Das sieht auch Nico Graaff vom Mountainbike Tourismusforum Deutschland, das sich intensiv mit der Nutzung von Mountainbikes in Deutschland beschäftigt: „Das sportliche Mountainbiken ist das eine, genauso wichtig ist aber auch die Vermittlung von Werten. Wir finden es super, dass die Schulen einerseits Technik des Mountainbikes trainieren, und andererseits auch die Verantwortung gegenüber der Natur schulen. Das ist ein großer Schritt für mehr Toleranz gegenüber dem Mountainbiken in der Gesellschaft.“

Radfahren in den Alltag bringen

Am Johann-Schöner-Gymnasium in Karlstadt wird seit einigen Jahren ebenfalls ein Mountainbike-Projekt angeboten. Mittlerweile haben sechs Lehrkräfte die Ausbildung als Mountainbike-Trainer:in abgeschlossen. Die Kurse laufen so erfolgreich, dass das Mountainbiken in einer Jahrgangsstufe parallel zum Sportunterricht angeboten werden soll. „Gerade Jüngere wollen wir so für den Sport motivieren“, so Lehrer Johannes Gerhard. Doch die Schule liegt direkt an einem Naturschutzgebiet. „Da gibt es kleine Pfade, auf denen Schüler:innen gerne entlangfahren würden. Aber wir fahren mit ihnen nur die ausgewiesenen Wege“, erklärt Lehrer Matthias Siegler. „Das muss aber erst vermittelt werden. Es ist den Kindern am Anfang noch nicht bewusst“, ergänzt Gerhard. Der Einfluss ist allerdings auch begrenzt: Man könne lediglich Hinweise geben, aber nicht verbieten, wo die Kinder außerhalb des Unterrichts fahren. Die Schüler:innen würden aber sehr sensibel auf die Situation reagieren, die Vorgaben akzeptieren und die Natur respektieren. In Sachen Umwelt gilt es neben dem sportlichen Aspekt, die Kinder auch zum Radfahren im Alltag zu motivieren. So bietet die Schule einmal im Jahr die Aktion „Rauf aufs Rad“ an. Damit will sie Kinder ansprechen, die einen längeren Schulweg haben. Die Lehrer:innen holen die Kinder mit dem Rad ab und absolvieren so gemeinsam den bis zu 25 Kilometer langen Schulweg. Für ihre Aktionen wurde die Schule in diesem Jahr ebenfalls als Fahrradfreundlichste Schule Deutschlands in der Kategorie Sport ausgezeichnet.

Corona und die Auswirkungen

Solche Aktionen sind gerade jetzt nach der Corona-Phase wichtig, um die Kinder wieder zum Radfahren zu motivieren. Neben schulübergreifenden Wettkämpfen entfielen in den letzten Monaten auch die Mountainbike-AGs. So war Kreativität gefordert, um die Kinder zu erreichen. Gemeinsame Aktionen zum Kilometersammeln wie bei der Klimatour wurden von vielen Schulen umgesetzt. Das Gymnasium in Karlstadt veranstaltete darüber hinaus eine digitale Weltumrundung. Die Schüler:innen sammelten die Kilometer, die sie in der Freizeit mit dem Rad zurücklegten, und je nach Leistung wurde in ein anderes Land „gereist“. Als Motivation erhielten sie Informationen über die Länder und Kulturen. Fachübergreifender, digitaler Unterricht mit sportlicher Betätigung – vielleicht ein Weg für die Zukunft.


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