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PBP: Teil 3
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Montag, 20. August 2007

Einstimmen: Wie weit ist es nach Emsdetten?
Im Kopf geht es wieder um das Warum: Es fängt immer mit dem ersten Hören-Sagen über eine Veranstaltung an. Der interdependente Moment totaler Vollkommenheit aus „Das will ich machen“ und „Schaffe ich das überhaupt“. Den hatte ich in Sachen Paris-Brest-Paris irgendwann 1993 oder 1994, das erste Mal am Start stand ich 2007.

Jede „Ich-Zeit“ beginnt also lange vor dem Startschuss. Angefangen hat das Langstreckenradeln bei mir in der Pubertät. Ausgehend von unserer Heimatstadt Bergisch-Gladbach erkundete ich das Bergische Land auf Liege- und Rennrad. Eine erste Radtouristikfahrt über 150 Kilometer zeigte meinem Bruder Axel und mir, dass sich Grenzen überschreiten lassen. Gute Freunde wohnten in Emsdetten. „Wie weit ist das eigentlich?“, fragte Axel. Flugs zum Diercke-Atlas gegriffen, ein kurzer Blick: „Das schaffen wir!“ Ein Jahr später ging es nonstop nach Oldenburg, 1991 fuhren wir erstmals Trondheim-Oslo .

Verlockungen jenseits der Piste

Das Radeln selbst passiert seit einigen hundert Kilometern quasi nebenher. Die Unterhaltung mit Mitfahrern und das Essen bestimmen das Geschehen. Und ewig lockt der Straßenrand. Wir halten mal wieder an. Wow, eine heiße Crêpe mit Marmelade und ein Becher Kaffee. Wer radelt, darf essen! „Combien?”, frage ich und zücke mein Geld. „Non, monsieur!” Diese Leute tun seit drei Tagen Tag und Nacht nichts anderes, als Crêpes zu backen, und verlangen kein Geld. Wahnsinn! Sie wollen lediglich eine Postkarte aus der Heimatstadt jedes Radlers geschickt bekommen; dafür haben sie kleine Papierzettel mit ihrer Adresse beschrieben. Zu schade nur, dass viele der Zettel in Paris unleserlich sein werden und nicht ganz so viele Postkarten in Saint-Berthevin-la-Tannière eintreffen werden …

„Es regnete wieder und ich suchte einen Unterschlupf. Ich fand eine offenstehende Garage. Zunächst traute ich mich nicht, eine fremde Garage zu betreten, aber Müdigkeit und Schmerzen erzeugten eine Gleichgültigkeitsstimmung. Ich setzte mich in die Garage und schlief sofort ein. Am Morgen wurde ich vom Garagenbesitzer geweckt. Ich wollte mich entschuldigen und den Grund meiner Dreistigkeit erklären. Ich war maßlos erstaunt, dass der Garagenbesitzer erfreut war, dass ich seine Garage als Unterschlupf benutzte. Der Garagenbesitzer hatte sein Auto absichtlich nicht in die Garage gefahren und wollte mit dem offenen Tor PBP-Randonneure zur Rast in seiner Garage animieren! Obendrein wurde ich auch noch zum Frühstück eingeladen und bekam frische Croissants mit Milchkaffee“, erinnert sich Manfred Tinebor an die Gastfreundschaft der Franzosen.

Zu viert aus der Schnecke

„Die Schnecke“ hatten wir die Kontrollstelle in Fougères getauft. Innerhalb der Stadt führte die Strecke um gefühlte tausend Kurven. Man meinte, um jedes Haus der Stadt herumzufahren, bis man schließlich in der sehr zerstreut arrangierten Kontrolle ankam. Vor dem Essen ziehe ich meine Karte durch und will mein „Carnet de route“ (Kontrollheft) stempeln lassen. In der Schlange vor mir steht ein Enddreißiger mit wohl definierten Beinen. Er zittert nicht, er schwankt nicht, doch er sagt: „I’ll quit now.“ „Mit diesen Beinen und dem Gesicht, my friend? Ich habe andere gesehen, die sahen beschissener aus als du, und die fahren vor uns!“, macht sich meine Zunge selbstständig. Ups, war ich unverschämt? Es folgt ein kurzer Dialog über eine schlechte Lichtanlage und den Fakt, dass er bereits aus der Zeitwertung gefallen sei. „Fährst du für die Zeit oder fürs Erleben?“, erwidere ich und erkläre ihm, dass wir reichlich Licht hätten und eine gute Truppe seien. Er sei herzlich willkommen, mitzufahren! Ein kurzes Zögern, getrieben von Höflichkeit und Unsicherheit – aber schließlich verlassen wir die Schnecke zu viert. Mark arbeitet in der IT-Branche und ist schon über 50 – nicht die einzige Überraschung. Er hat ordentlich Dampf und wir leisten in der Gruppe, die eine geordnete Doppelreihe fährt, viel Führungsarbeit. Die Kilometer fliegen dahin, das Gespräch versiegt. Jeder lässt für sich die Kurbeln und die Gedanken kreisen.

Reiseerinnerungen

Was ist das Antriebsmoment für eine solche Tour? Warum setzt man sich nicht einfach in den Gartenstuhl und denkt über den Sinn des Lebens nach? Warum braucht es dafür 1.227 Kilometer Radfahren unter Schlafentzug? Warum braucht es das Extreme? Oder ist es überhaupt extrem, 1.227 Kilometer mit dem Rad zu fahren?

Rückblick: Kindergartenzeit. Dem Vater hatte ich ein Feuerzeug geklaut. Wie viel Stroh kann ich anzünden und rechtzeitig ersticken, bevor der ganze Garten brennt? Schnitt, neun Jahre: Wie schnell kann ich mit meinem Rad den Berg zur Schule herunterdonnern und dennoch rechtzeitig vor der Hauptstraße zum Stehen kommen? Schnitt, 14 Jahre: Wie oft kann ich die Hausaufgaben nicht machen, ohne erwischt zu werden? Schnitt, 17 Jahre: Würde Michaela mir eine knallen oder meinen Kuss erwidern? Schnitt, 25 Jahre: Kann man den Studienabschluss mit so wenig Pflichtstunden wirklich schaffen? Schnitt, 2001: Verkaufe ich die Aktien oder kann noch mehr Gewinn dabei herausspringen? Fazit: Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Extremsituationen; stets hat man weniger Wissen, als für eine solide Ergründung der richtigen Antwort notwendig ist. Stets muss man einen Schritt weitergehen, als man es auf dem dünnen Eis des Selbstvertrauens für sinnvoll erachtet. Und die „Welt da draußen“ erlaubt kaum noch Fehler. Auf dem Rad dagegen gibt es nur mich!

Fußbad mit Folgen

Kilometer 1.140: Jeder Tritt fällt schwer, zu groß ist der Schmerz, wenn Druck auf die Fußsohlen kommt. Das Fußbad über drei Tage hat den Füßen nicht gut getan. Krokodillederhaut ist dagegen samtig weich und eben. Die Füße sind nass und aufgequollen, allmählich formen sie sich um die Carbonsohlen der Schuhe. Der stete Druckwechsel hat sie malträtiert. Ich betone die Zugphase beim Pedalieren und sehne mich nach der Kontrollstelle in Dreux wie ein Verdurstender in der Wüste nach Wasser. Zum Glück ist diese Passage die flachste der gesamten Tour. In Dreux suche ich die Sanitäter auf und lege die Füße mit ihrer Hilfe trocken. „Gönnen Sie Ihren Füßen drei Stunden Ruhe“, empfiehlt mir einer der Betreuer. Ich besorge mir zwei Plastiktüten, stecke die Füße hinein und diese in meine Schuhe. Das Pferd riecht den Stall – weiter geht’s!

Ein treues Pferd

Dass ich bis hierhin – von leicht gereizten Handgelenken und den Krokodilsfüßen einmal abgesehen – ohne Schmerzen gefahren bin, unterscheidet mich von den meisten anderen Radlern. Nicht wenige haben zu diesem Zeitpunkt bereits ein Dutzend Schmerztabletten in der Blutbahn. Meine Freunde wissen, dass ich ein Ausrüstungsfetischist bin. Mein Rad ist die Material gewordene Erfahrung aus elf Trondheim-Oslo-Teilnahmen und Rennen wie „Bordeaux-Madrid“ und „Bern-Bodensee-Bern“. Herzstück ist ein maßgefertigter Serotta-„Legend Ti“ -Titanrahmen mit S&S-Kupplungen und einer Stahlgabel (sicher ist sicher!). Bei der Schaltung vertraue ich auf die Force-Gruppe von Sram mit Kompakt-Übersetzung (50÷36) und 11–25er Kranz am Hinterrad. Die Schalthebel sind äußerst ergonomisch und lassen sich auch nach 80 Stunden noch schnell und sicher bedienen. Für perfekten Komfort sorgt ein sorgfältig eingefahrener Brooks-Swift-Kernledersattel mit Titangestell. Das Cockpit besteht aus geprüfter Sicherheit (Humpert Rennlenker) mit doppeltem Lenkerband und Gelpads. Die Beleuchtung an meinem Rad ist fest in deutscher Hand: Zwei „Lumotec Fly LED IQ-Tec“- Scheinwerfer von Busch & Müller mit Lenkerhalter von riese und müller bringen die 40-Lux-Lampen in die ideale Position, um die Straße optimal auszuleuchten. Das „D’Toplite flat“ am Heck ist leicht und superhell. Die Reserve-Lichtanlage besteht aus einem Akku-Pack für einen Fly-Scheinwerfer und einem „IX Red“-Batterie-Rücklicht von Busch & Müller. Die Laufräder sind auf Leichtlauf und Sicherheit gebaut: klassisch gespeicht mit Säbelspeichen (hinten 32, vorne 24 Stück). Leichte, aber sichere Reifen waren mir wichtig: Die Wahl fiel auf Ultremo-Reifen und Schläuche von Schwalbe.

Die Glocke

50 Kilometer vor Paris: Ein Glocke? Bis jetzt war so vieles surreal, da überrascht mich nichts mehr. Auf dem Hügel steht ein Mann mit einer stattlichen Schelle. Jedem passierenden Radler schenkt er einen Tusch mit der Glocke und feuert ihn an. Die letzte Runde wird eingegongt – das treibt an!

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