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Vier gewinnt!
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Dienstag, 16. März 2010

Familienkreuzfahrt mit Rad und Kind in Kroatien

Erstens ans Meer, zweitens Spielen, drittens Kultur sehen und viertens Radfahren. Was sich bei normalen Familien-Radreisen nie vereinbart, ist beim Inselhüpfen mit Rad und Schiff immer an Bord. Der pressedienst-fahrrad hat´s bei einer Kroatien-Kreuzfahrt mit Kind und Kegel miterlebt…

Sternstunden grotesker Realsatire kann man erleben, wenn man einem Familienrat lauscht, der in Sachen gemeinsamen Sommerurlaub tagt: Alle tun ihre Vorstellungen vom anstehenden Sommerurlaub kund. Bei uns lautete das Ergebnis nach mehrstündigen intensiven Beratungen so: Michael, der jüngste Sohn, will in ein animiertes Spielparadies, der zwei Jahre ältere Oliver möchte ans Meer, ich träume von einer Radtour und meiner Frau Uli steht der Sinn nach Kultur und Geschichte. Statt Urlaubsvorfreude gibt es an diesem Abend gereizte Stimmung. Die Positionen scheinen weiter voneinander entfernt als bei Koalitionsverhandlungen zwischen CSU und Piratenpartei.

Sommer gerettet

Wenige Tage später lese ich in einer Email „Inselhüpfen 2009 jetzt auch mit Rad-Erlebniskreuzfahrten für Familien“. Ein Blick ins Netz und alle entscheidenden Schlagworte tauchen auf: Spiele, Meer, Rad und Kultur. „Der Sommerurlaub ist gerettet“, denke ich mir und reserviere ohne Rücksprache vier Plätze für Mitte Juli. Das Ganze mit der absoluten Gewissheit, eine einstimmige Entscheidung des Familienrates auch rückwirkend zu erhalten. Die Sondersitzung beim Abendessen verläuft nicht nur wie erwartet, sondern überwältigend. Oliver sieht sich bereits als Freibeuter plündernd die Adriaküste entlang segeln, Michael wähnt sich mit Altersgenossen bei lustigen Spielen, meine Beine zucken beim Gedanken gemeinsamer Radtouren und meine Frau Uli freut sich auf die kulturellen Höhepunkte des Balkans mit seiner wechselhaften Geschichte als „Schnittstelle“ der Kulturen und Religionen. Vier Träume – ein Urlaub! Mir wird fast etwas mulmig, denn jetzt hängt die Latte verdammt hoch. Kann die einwöchige „Sommer-Erlebniskreuzfahrt in Süddalmatien“ diesen Erwartungen gerecht werden?

Mietradallergie

Der erste Dämpfer kommt, als es darum geht, Anreise und Material zu organisieren. Das gestaltet sich für gewöhnliche Inselhüpfen-Urlauber eigentlich ganz einfach: Sie buchen einen Flieger oder fahren mit dem eigenen Wagen und vor Ort gibt es Räder samt Packtaschen, Bordwerkzeug und Helme kostengünstig zu mieten.
Ich habe allerdings eine „Mietradallergie“. Zudem sind die Kinder noch zu klein für die Räder des Inselhüpfen-Fuhrparks. Auch sind wir nicht so sicher, ob die Jungs den Touren gewachsen sein werden. Schließlich nehmen wir an der Premierentour teil, weder Crew noch Reiseveranstalter können verlässliche Auskünfte geben, ihnen fehlt schlicht Erfahrung. Wir entscheiden uns deshalb, ein Santana-Tandem mit Kinderkurbel, Ulis Utopia-Stadtrad und ein Puky-Kinderrad mitzunehmen. So kann immer ein Sohnemann alleine radeln und einer auf dem Tandem locker mittreten. Wenn eine Tour anstrengend wird, können die Kinder beliebig oft hin und her wechseln.
Wer Kinder hat, der braucht keine Überraschungen, der hat immer welche: Ein schneller Schritt! Ein glatter Stein! Ein dumpfer Aufschlag! Viele Tränen! Olivers Freude, endlich am Meer zu sein, fand im Hafen von Trogir ein jähes Ende. Fast benommen liegt er mit einer dicken Beule am Hinterkopf neben dem Hafenbecken. Eine Stunde bevor sich Crew und Mitreisende an der Anlegestelle treffen, müssen wir binnen Sekunden von Urlaubsstimmung auf „Emergency-Modus“ umstellen: Blitzschnell Eis besorgen; gut, dass ein kinderfreundlicher Fischverkäufer hilft! Oliver flach hinlegen, am besten in einem dunklen Zimmer! Also „wieder einchecken“ ins bereits geräumte Hotelzimmer; vorausgesetzt, die Putzkolonne ist nicht schon dagewesen und die Rezeption lässt sich auf das Spiel ein.

Kinderfreundlich

Im kinderfreundlichen Kroatien ist diese spontane „German Angst“ völlig deplatziert. Natürlich liegt Oliver kaum eine Sekunde nachdem wir gefragt haben bereits im verdunkelten Zimmer auf dem Bett, und das Zimmermädchen bringt später sogar eine Flasche Sprudel vorbei. Erste Hilfe ist vollbracht! Doch mit Gehirnerschütterungen ist nicht zu spaßen. Seegang, Sonne und Sport sind keine Genesungsförderer. Wir legen noch Homöopathie nach und ich trage Oliver pünktlich zum Treffpunkt an der Anlegestelle der „MS San Snova“. Entspannung sieht anders aus.

In Ivanas Armen

Doch dann geht die Sonne auf. Sie hat zwei Beine und heißt Ivana. Unsere Reiseleiterin nimmt sofort alle Zügel in die Hand: Oliver kann umgehend in die Kabine, Eis und Getränke kein Problem und wir sollen uns erst einmal entspannen. Genau dieses Gefühl, dass man mit den Kindern und ihren Überraschungen nicht aneckt, sondern direkt unkomplizierte Hilfe bekommt, setzt bei Eltern das Urlaubshormon frei.
Während gelangweilte Single-Städter im Urlaub den Kick suchen, weil ihr Leben in Latte Macciatos in Szene-Cafés zu ertrinken droht, wollen Eltern das genaue Gegenteil: vor allem einige der 1.000 kleinen Verantwortungen für den reibungslosen Tagesablauf mit den Kindern abgeben. Ivana und ihre Kollegen nehmen sie an. Die ruhigste Woche im gesamten Leben unserer jungen Familie hat soeben begonnen.

Radurlaub an Deck

Mittlerweile sind wir fast 24 Stunden unterwegs … mit dem Schiff, im Kajak und zu Fuß. Geradelt sind wir noch nicht. Eigentlich müsste ich ungehalten sein. Alle sind bereits auf ihre Kosten gekommen: Michael spielt mit Philipp Uno, Oliver lungert beim Kapitän Tony auf der Brücke herum und gestern freute sich Uli über die Führung durch die Altstadt von Split. „Mann muss auch gönnen können“ denke ich mir und springe vom zweiten Deck ins Wasser. Ich tauche tief ins klare blaue Wasser ein, sehe Fische und komme mit kräftigen Armzügen wieder hoch. Das mache ich noch ein gefühltes Dutzend Mal, ehe ich mich von der heißen Mittelmeer Sonne trocknen lasse. Das geht übrigens am besten, wenn man sich am Fockmast in einen Liegestuhl setzt und vorher an der Theke eingedeckt hat. Nein, ich vermisse das Radeln nicht!

Schwimmendes Hotel

Inselhüpfen kombiniert Schiff und Rad. Das Schiff fungiert als schwimmendes Hotel, samt Pool (Meer), Radwerkstatt und Catering. Es steuert unterschiedliche Ziele an, eine Mischung aus Kultur, Natur, Architektur und Velo-Revieren. Während der Reisen werden Radtouren, Wanderungen, Besichtigungen, Badepausen und freie Zeit in loser Folge kombiniert. Dabei lautet das Motto aller Inselhüpfen-Reisen‚ „nichts müssen, aber alles dürfen“. Man kann demnach theoretisch auch die komplette Zeit an Bord verbringen. Volle Versorgung bei maximaler Freiheit; Spontanität ohne Reue und mit Backup-System. Perfekt für Familien!

Papa will’s wissen

Ich bin Radler! Das kann ich ein paar Tage ignorieren, negieren kann ich das kaum! Und so stellt sich am zweiten Tag eine gewisse Entzugserscheinung ein. Da kommt mir die heutige Radtour gerade recht. Den berühmten Sack Flöhe zu hüten ist natürlich ein Kinderspiel verglichen damit, eine 30köpfige Radgruppe mit rund einem Dutzend Teenies und Kindern ins Rollen zu bringen. Ist ja egal, denn Eile ist die Sache der Inselhüpfer ohnehin nicht. Das gilt für den Start. Doch schnell zieht sich das „Fahrerfeld“ auseinander. An der Spitze des Feldes ist Stefan mit seinem pubertierenden Sohn Max, Michael, ein gleichsam geistreicher wie fitter Psychologe in der Lebensmitte und seine nicht minder gesellige Frau Angelika. Dazu unsere älteste Mitreisende Bärbel, eine ehemalige Zirkusartistin mit irrer Vita und ebensolcher Fitness sowie Oliver und ich auf unserem schwarzen Santana-Tandem. Durch die Gruppe wabert Testosteron und der Familientouren-Kodex landet in einer Rechtskurve im Straßengraben. Wir haben die Talstraße (freiwillig) verlassen und spüren die Steigung einer fast alpin anmutenden Serpentinenstraße. Max martert seine Nabenschaltung und legt vor. Stefan zieht nach. Angelika, Michael und mit mir Oliver hängen uns in den Windschatten und beobachten den Kampf der Generationen. Zwei Kehren weiter zeigt Bärbel, dass sie nicht nur mitten im Leben steht, sondern auch noch voller Energie ist.
Oliver und ich widmen uns der Flora und Fauna. In der sengenden Mittagshitze zirpen die Grillen und ihre kleineren und größeren Artverwandten ein monotones Konzert. In der Mittagssonne blitzen die S&S-Kupplungen unseres zerlegbaren Tandems wie Diamanten auf. Allerlei bunte Blüten lenken meinen Hintermann vom Pedalieren ab und fordern mir Antworten ab, die sogar Wikipedia ins Wanken bringen würden. Ich wechsele die Themen im Rhythmus unser Gangwechsel: Ist die Straße flacher rede ich, geht es steil bergan, sinniert Oliver zur Natur, zum Fahren oder zum Leben im Allgemeinen. In den vergangenen Monaten voller Starkstrom im Büro sind diese Momente zwischen Vater und Sohn selten gewesen, wir beide genießen sie aus vollen Zügen. Ebenso wie die kalte Cola im „Passrestaurant“, das genau genommen in einer Senke liegt und eher eine urgemütliche Grillstube ist.

Paradies aus Holz

Zurück auf dem Schiff gibt es zurecht „Rüffel“ von Ivana, weil wir uns ohne Ankündigung abgesetzt haben. Wir genießen unser Bier heute auf der Heckgallerie der „MS San Snova“ („Traum der Träume“). Das Schiff glänzt in der Nachmittagssonne. Kein Wunder, die hölzerne Motoryacht lief erst in diesem Frühjahr vom Stapel. In dreijähriger Bauzeit hat die Familie Scherka rund um Kapitän Tony und seinen Bruder Josip, der als Crew-Chef mit an Bord ist, dieses Schiff ganz aus Eichenholz im eigenen Schreinereibetrieb eigens für die Inselhüpfen-Kreuzfahrten gebaut. Das Schiff verbindet reichlich Komfort und moderne Funktionalität mit Seefahrer-Romantik. Im 31 Meter langen und acht Meter breiten Rumpf befinden sich neben einem komfortablen Salon und einer Kombüse 14 großzügige Kabinen, die allesamt mit Duschkabine und WC ausgestattet sind. Fünf Doppelkabinen und fünf Dreibettkabinen bieten über Deck reichlich Platz. Unter Deck dienen je zwei geräumige Dreibett- und Vierbettkabinen als Unterkunft. Individuell regelbare Klimaanlagen sorgen auch in den Zimmern für ein kühles Lüftchen. Ebenfalls zur Ausstattung gehören zwei Einmann-Paddelboote, die bei Badestopps von der Crew ins Meer gelassen werden.

Kalorien vor Kultur

Wir ankern im Hafen von Pucisca. Einmal mehr eine malerische Kulisse. Durch die großen Fenster könnte man sie vollends genießen. Doch das Abendessen lenkt ab. Die nimmermüde Köchin Davorka hat es zusammen mit ihrer stets lächelnden Küchenhilfe Jelena gezaubert, während wir im Wasser planschten. Nun sitzen wir nach dem ersten Gang bereits satt aber noch voller Appetit und Vorfreude da und warten, was Emil servieren wird. Emil ist das, was man gemeinhin ein Original nennt. Mit seinem kahlen Kopf, breitem Kreuz und seinen knapp zwei Metern hat er die Lufthoheit im Speisesaal. Sein gerader Gang, die korrekten unauffälligen Bewegungen und logistische Effizienz seiner Wege verraten eine solide Gastronomie-Ausbildung. So grob seine Erscheinung zunächst wirkt, so feinsinnig sind seine Anspielungen. Da macht das Essen doppelt Spaß.

Bildung für Bengel

Als kulturelle Nachspeise besuchen wir die ortsansässige Steinmetzschule. In der 1909 gegründeten Schule lernen heute 50 Schüler in zwei Klassen klassisches Handwerk und das moderne technische Umfeld dazu.
Die Insel Brac ist berühmt für ihren strahlend weißen Marmor, der unter anderem für das Weiße Haus in Washington und den Reichstag in Berlin verwendet wurde. Und auch die Kinder kommen auf ihre Kosten: Sie versuchen sich im Hämmern und spielen anschließend mit dem Marmorstaub und kleinen Bruchstücken, während „die Großen“ die englische Führung genießen. Einmal mehr heißt es: Vier gewinnt! Wer wird da noch klagen, dass nach einer Woche kaum 100 Kilometer auf dem Radtacho stehen werden?

Womit wir unterwegs waren

Treuster Partner unserer Touren war ein Mountainbike-Tandem des US-amerikanischen Herstellers Santana (www.santana-tandem.de). Dank der S&S genannten Kupplungen lässt sich das Tandem binnen einer Viertelstunde in ein handlich kleines Paket zerlegen und passt mühelos in jeden Kofferraum. Ausgestattet mit einem speziellen Kindertretlager können bereits Vierjährige als Hintermann mitradeln. Als Kinderrad hatten wir ein 20 Zoll „Skyride“ Kinderrad von Puky (www.puky.de) mit Drei-Gang-Nabenschaltung und drei Bremsen dabei. Seine solide Ausstattung, das einfache Handling dank tiefem Einstieg und die ausgewogene Geometrie machten das Rad zum idealen Begleiter für die ersten eigenen Tourenfahrten unserer Zöglinge. Als ebenso gutmütig wie leichtfüßig hat sich das Roadster von utopia (www.utopia-velo.de) erwiesen. So vereint dieses Rad, aus dem reichhaltigen Baukasten der Saarländischen Fahrradschmiede konfiguriert, alles, was ein unkompliziertes und langlebiges Tourenrad braucht: Sorglose Technik, langlebige Komponenten, verstellbare Ergo-Bauteile und solide Gepäckträger.

Radeln beim Inselhüpfen

Die üblichen Radtouren beim Inselhüpfen (www.inselhuepfen.de) sind zwischen 30 und 70 Kilometer lang. Dagegen haben die Familienreisen-Fahrten nie mehr als 15 Kilometer und führen meist durch flaches bis hügeliges Gelände. Die geführten Wanderrouten dauern maximal drei Stunden. In der Regel dauern Inselhüpfungen etwa eine Woche, es gibt aber auch längere Reisen in Vietnam, auf den Seychellen und Malediven.

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