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Die Eurobike rückt in die Mitte
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Mittwoch, 30. Juni 2021

Gestern gaben die Messen Frankfurt und Friedrichshafen eine strategische Partnerschaft unter dem Namen fairnamic GmbH bekannt. Im Zentrum steht die Eurobike, Weltleitmesse rund ums Fahrrad, die ab Juli 2022 in Frankfurt am Main stattfinden wird. Neuer Standort, neuer Termin, neue Allianz und bewährter Erfolg? Gunnar Fehlau, Gründer des pressedienst-fahrrad, kommentiert.

Glückwunsch nach Friedrichshafen und Frankfurt! Zwei Parteien haben einige mutige Entscheidungen getroffen. Damit sind sie aktiver als viele andere Messeakteure, die ihre Messen durch Untätigkeit zerstören. Der Glückwunsch meint hier nicht nur den lobenden Gruß, sondern auch im eigentlichen Wortsinne den Wunsch, dass das notwendige Glück die Macher:innen begleiten möge. Denn Glück werden sie brauchen. Nicht, weil sie ihr Geschäft nicht verstehen oder weil sie die falschen für diese Aufgabe wären, sondern vielmehr, weil die Aufgabe eine monströse ist.

Zeit für Held:innen und Wagemutige

Messen haben es gerade schwer. Und damit meine ich nicht Corona. Die großen Fach- und Consumer-Messen sind seit Jahren unter massivem Beschuss. Das Internet als alternativer Messestandort, Informationskanal, Vertriebsweg und Dialogmedium fordert wie vieles andere auch das Konzept der physischen Messen grundsätzlich heraus.
Die Eurobike wird sich darum auch thematisch sehr weit öffnen müssen. Die E‑Mobilität zieht in Sachen Entwicklung, Kommunikation und Vertrieb ganz andere Mitspieler:innen an den Fahrradtisch. Wir erleben derzeit die Digitalisierung einer Branche, die neben neuen Einkaufsmöglichkeiten auch innovative Nutzungsvarianten etabliert. Dabei muss die Radbranche auch einem harten Paradigmenwechsel begegnen: Die Zukunft des Fahrrads hängt nicht mehr vom Fahrrad selbst ab! Vielmehr sind es Infrastruktur, Umgangskultur und die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die Fahrradnutzung steigern und damit das Wohlergehen dieser Industrie bestimmen werden.

Jede Branche hat die Messe, die sie verdient

Gleichzeitig haben sich die Bedürfnisse der Fahrradbranche an eine Messe bis zur Unvereinbarkeit ausdifferenziert: Die Lieferketten wünschen sich viel Vorlauf, also eine frühe Messe; bestenfalls im späten Frühjahr des Vorjahres. Die Fahrradmarken brauchen eine Ordermesse, um Handelsbestellungen einzuholen und diese mit den Zulieferern zu synchronisieren; also eine Messe im Frühsommer des Vorjahres. Die Endverbraucher:innen möchten Produkte entdecken, erleben und kaufen – und zwar möglichst zum Beginn der eigentlichen Saison; dafür wäre das Saisonfrühjahr der ideale Termin. Dann sind da noch die Entwickler:innen, Produktmanager:innen und deren Auftragnehmer:innen, deren Vorlauf teils mehrere Jahre beträgt und deren Arbeit möglichst lange Zeit ohne Teilnahme der Öffentlichkeit vonstatten gehen soll. Denn allzu frühe Neuheitenvorstellungen hemmen den Verkauf aktueller Produkte. Ergo: Die Anforderungen sind viel zu divers, um von einer Weltleitmesse an einem Termin und Standort vollumfänglich eingelöst werden zu können. Dass die Fahrradbranche diese Erwartung an die Eurobike fortwährend implizit formuliert hat, sagt mehr über die Branche als über die Eurobike-Macher:innen. Statt nun erneut über die diesbezügliche Unzulänglichkeit des Termins oder Konzepts der „neuen“ Eurobike zu schwadronieren, täte die Branche gut daran, sich zum einen zu freuen, wie lange die Eurobike bereits ein verlässlicher Partner der Fahrradwelt ist und zum anderen diesen „Eine-Messe-für-alles“-Anspruch zu beerdigen. Jede:r Branchenteilnehmer:in kann sich durch eine Teilnahme eindeutig positionieren.

Infrastrukturell in der Mitte

In den 1990er-Jahren, als die Eurobike klein war und einzig für die Mountainbike-Sparte der Fahrradwelt stand, fielen die fundamentalen infrastrukturellen Defizite des Standorts Friedrichshafen weder auf noch ins Gewicht. Spätestens seit die IFMA (Internationale Fahrrad- und Motorradausstellung in Köln) 2008 als Gegenpol wegfiel und die Eurobike Heimat der gesamten Fahrradbranche wurde, waren der fehlende Platz auf dem Messegelände, die fehlenden Verkehrskapazitäten, die hakelige Anreise in die Provinz und die fehlenden Großhotelkapazitäten nicht mehr zu übersehen. Vor Ort wurde mit Herz und Pragmatismus versucht, diese Mankos zu lindern. Nun hat die Eurobike einen Ort gefunden, der zu ihrer Größe und ihrem Anspruch passt. Das wird die Eurobike verändern und damit auch die Fahrradwelt. Hoffentlich zum Besseren!

Gunnar Fehlau

Statements aus der Branche

 

Heiko Müller, Gründer und Geschäftsführer, Riese & Müller

„Wir freuen uns sehr über die Entscheidung der Messe Friedrichshafen, die Eurobike nach Frankfurt zu verlegen. Der neue Standort ermöglicht auch eine komplette Veränderung des Konzepts und bietet eine große Chance, die Eurobike als Leitmesse der Mobilitätsbranche zu etablieren. Zudem begrüßen wir den neuen Termin, der es ermöglicht, neue Modelle und Konzepte einem breiten Publikum zu präsentieren.“

Markus Krill, Geschäftsführer, Croozer

„Der Umzug der Eurobike nach Frankfurt ist eine mutige Entscheidung der Verantwortlichen, die wir nachvollziehen können und ausdrücklich begrüßen. Neben der besseren Reiseinfrastruktur für alle Beteiligten sind wir der Meinung, dass eine Weltleitmesse auch in einer Weltstadt stattfinden sollte. Auch inhaltlich steht der Umzug für eine wichtige Entwicklung: Urbane nachhaltige Mobilität ist aktuell das Topthema, deshalb ist es enorm wichtig, dass die Leitmesse der Fahrradbranche in den urbanen Raum und damit in die Mitte der Gesellschaft gerückt wird. So können wir die Herausforderungen der Zukunft bestmöglich meistern. Wir werden nächstes Jahr auf jeden Fall an der Eurobike teilnehmen und freuen uns schon auf die Messe!“

Alexander Kraft, Pressesprecher, HP Velotechnik

„Wir sind hoch erfreut über diesen Schritt der Eurobike. Die weltweite Leitmesse im Bereich Fahrrad schien untrennbar mit dem Standort Friedrichshafen verbunden. Allerdings war sie dort zuletzt unter Druck geraten. Stichworte sind fehlende räumliche Möglichkeiten, nicht immer ganz glückliche strategische Entscheidungen sowie die Lockrufe der nach München umgezogenen IAA in Richtung Fahrradbranche. Insofern ist der Schritt der Eurobike vom Bodensee an den Main viel mehr als ein Befreiungsschlag, es ist in der traditionellen Autostadt Frankfurt ein gewaltiges Zeichen ‚Pro Fahrrad‘!
Die bislang bekannt gewordenen Pläne für die Zusammenarbeit mit der Frankfurter Messegesellschaft zeigen eindeutig: Da stecken zwei Player gemeinsam ein Zukunftsfeld ab und schnüren mit ihren jeweiligen Kompetenzen ein geradezu einmaliges Gesamtpaket. Einerseits die Eurobike als absolute Benchmark im Bereich Fahrradmesse inklusive ihrer traditionell starken Vernetzung in die große Fahrradfamilie. Andererseits die Messe Frankfurt als einer der größten Messemacher weltweit, der mit seiner internationalen Strahlkraft und angesiedelt am internationalsten deutschen Verkehrsknotenpunkt dem Thema Fahrrad völlig neue Impulse geben wird.
Das Zusammengehen dieser beiden Partner und ihr urbanes Konzept stehen symbolisch für die Mobilitätsentwicklung der letzten Jahre: Das Fahrrad erobert die Stadt! Sichtbarer als in Frankfurt am Main kann man die neue Rolle des Rades als Verkehrsmittel im urbanen Raum kaum machen. Auch zu dieser Neujustierung möchten wir der Eurobike, die als Mountainbiker-Event gestartet ist, gratulieren. Dies auch vor dem Hintergrund, dass Fahrzeuge aus der Liegeradmanufaktur von HP Velotechnik zunehmend den Metropolenraum erobern und in dem neuen Messe-Umfeld nun noch einmal ganz anders zur Geltung kommen: Komfortable Pendlerfahrzeuge und Fahrzeuge für Menschen mit Einschränkungen sind zukunftsweisende Mobilitätslösungen sowohl im Business-Bereich als auch für die naturnahe, gesundheitsorientierte Freizeitgestaltung in der Region.
Und schließlich freuen wir uns ein kleines bisschen auch aus lokalpatriotischen Gründen: Seit der Gründung 1993 hat HP Velotechnik seinen Firmensitz an der Stadtgrenze zu Frankfurt – herzlich willkommen, Eurobike!“

Jürgen Siegwarth, CEO, Ortlieb

„Der Umzug der Eurobike nach Frankfurt ist unseres Erachtens nach der richtige Schritt, um der Entwicklung der Bikeindustrie gerecht zu werden, sowohl was die internationale Ausrichtung angeht, als auch was die Zunahme der urbanen Mobilität angeht. Der Zusammenschluss der Messe Friedrichshafen und der Messe Frankfurt und die daraus entstehenden Synergien sind das richtige Zeichen für die Zukunft der Eurobike.“

Antje von Dewitz, Geschäftsführerin, Vaude

„Wir sind dieses Jahr bei der Eurobike in Friedrichshafen nicht vertreten, sondern haben uns für einen Auftritt auf der Eurobico in Frankfurt entschieden, da absehbar war, dass wenig internationale Besucher nach Friedrichshafen kommen werden.
Wir warten das Konzept ab; aber wenn es gelingt, einen internationalen Fokus bei der neuen Eurobike erfolgreich zu etablieren, gehe ich davon aus, dass wir dabei sind.
Emotional finde ich das sehr schade, dass die Bodenseeregion, die ja anerkannterweise eine wunderbare und beliebte Outdoor- und Bikeregion ist, nun kein Messestandort mehr für diese Themen ist. Für uns als lokales Unternehmen hatte das natürlich auch pragmatische Vorteile: Wir konnten bspw. die Messe als Anlass nutzen, um Händler und Produzenten abends auch zu uns an den Standort einzuladen, zudem konnten wir uns natürlich auch beipielsweise Übernachtungskosten sparen. Aber das ist nicht das Zentrale. Im Vordergrund steht, dass die Messe attraktiv und erfolgreich und damit die relevante Plattform für den Branchenaustausch sein soll.“

Stefan Stiener, Geschäftsführender Gesellschafter, Velotraum

„Aus Unternehmersicht: Geographisch und strategisch ist der Wechsel nach Frankfurt sicherlich richtig, die Terminwahl ist allerdings weder Fisch noch Fleisch. Für eine Ordermesse zu spät, für das Modelljahr und einen ungestörten Abverkauf zu früh. Bleiben werden auch die Verkehrsprobleme, denn Frankfurt gehört zu den Stauhochburgen, und im Hinterland übernachten und mit dem Rad zur Messe ist damit wohl passé … Aber nun gut, damit kann man sich arrangieren.
Aus Bürgersicht – Zitat: ‚Die Eurobike zieht nach Frankfurt.‘ Mit den Hallen, dem Personal und vor allem den Unmengen an Subventionen? Wohl kaum und Friedrichshafen muss schauen, wie sie mit noch mehr Steuergeldern eine nun völlig überdimensionierte Messe-Infrastruktur durchbringen.“

Wolfgang von Hacht, Geschäftsführender Gesellschafter, Stevens

„Stevens hält den Standort Frankfurt und auch Termin Mitte Juli für sehr interessant. Beide Messegesellschaften und Städte beweisen Weitsicht und auch ökonomisches Kalkül, wenn sie die ‚Boom-Branche‘ Fahrrad und E‑Bike an einer derart zentralen und großen Location platzieren und zudem eine Weltleitmesse etablieren und gemeinsam die Messelandschaft bereichern möchten. Mit aktuell stark gestiegenen Vorlaufzeiten können unsere Kunden – rund 500 Fachhändler im Bundesgebiet und auch die meisten Export-Kunden – im Juli deutlich effizienter als z. B. an einem Septembertermin planen. Möglicherweise kann dieses Event auch einen Großteil der noch populären Hausmessen ersetzen, integrieren oder sinnvoll ergänzen. Diese finden bislang von Juni bis August statt, überschneiden sich also mit der Frankfurter Messe, und waren für den Handel terminlich nicht einfach zu realisieren. Wir wünschen der Messe einen guten Start und eine langfristige Etablierung im kompetitiven Messekalender.“

Dennis Schömburg, Geschäftsführer, Messingschlager

„Wir begrüßen die Entscheidung für den neuen Standort und freuen uns sehr über die Tatsache, dass die Expertise des erfahrenen Teams aus Friedrichshafen unter der Leitung von Stefan Reisinger weiterhin die Geschicke leitet. Der erneut vorgezogene Zeitpunkt verwundert, hat die Erfahrung aus dem Messejahr 2018 doch gezeigt, dass ein Gros der Branche die Eurobike im September bevorzugt. Aus Messingschlager-Sicht ist September das angemessenere Zeitfenster für die internationale B2B und Händlerzielgruppe.“

Marcel Spork, Vertriebsleiter, SKS Germany

„Als SKS Germany begrüßen wir den Wechsel der Eurobike nach Frankfurt ausdrücklich. Dieser zentrale Standort in der Mitte Deutschlands wird der Messe als weltweite Leitveranstaltung der Fahrradbranche neues Leben einhauchen. Sowohl für Fachhändler als auch internationale Gäste ist der Austragungsort ideal. Wir freuen uns darauf!“

André Joffroy, Sales Manager Deutschland, Kindernay

„Kindernay, mit Fertigung und Service in Deutschland und Europa, freut sich über die Stärkung des Standortes und die Zusammenfassung von Kompetenzen der beiden Messeschwergewichte Frankfurt und Friedrichshafen. Die Entwicklungen der Branche zeigen deutlich auf, dass Kompetenzen in Europa erhalten und neu geschaffen werden müssen. Eine Leitmesse im Herzen des europäischen Absatzmarktes gibt hierbei die Linien neu vor. Kindernay mit dem deutschen Vertrieb trail.camp Distribution verfolgt den klaren Ansatz der europäischen Wertschöpfung und unterstütze Konzepte für nachhaltige und zukunftsweisende Mobilität.“

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