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Reportage: Weiße Ware und ein Lastenrad
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Donnerstag, 16. August 2018

Ein neuer Wäschetrockner muss her. Doch wie bekommt man diesen ohne eigenes Auto nach Hause? Thomas Geisler, Redakteur beim pressedienst‐fahrrad, hat sich der Herausforderung gestellt und sein neues Elektrogroßgerät mit einem Lastenrad transportiert. Sein Fazit: Das geht leichter als anfänglich gedacht.

[pd‐f/tg] Auf dem Weg zum örtlichen Elektromarkt erwische ich mich dann doch bei der Frage, wie mein Vorhaben überhaupt funktionieren soll. Ich fahre mit einem „Packster 80“ von Riese & Müller (ab 4.599 Euro) durch die Göttinger Innenstadt. Okay, das Long‐John‐Lastenrad verfügt über einen Elektroantrieb und die breite Ladefläche ist für die Aufnahme von Großgeräten ausgelegt. Aber mein neuer Wäschetrockner wiegt locker 50 Kilogramm. Dieses Zusatzgewicht muss ich erst einmal ins Rollen bringen. Ich spüre Zweifel, aber für einen Rückzieher ist es zu spät.

Der Chef kommt persönlich

Ich biege auf den Parkplatz des Marktes ein und stelle mein Gefährt direkt vor dem Eingang ab. Spezielle Parkplätze für Lastenräder oder generell für Fahrräder kann ich nicht ausmachen, deshalb erscheint mir das die sinnvollste Lösung. Meinen Abholschein habe ich zu Hause ausgedruckt, bezahlen muss ich aber noch im Markt. Als die Kassiererin meinen Zettel studiert, ruft sie plötzlich freudig aus: „Ach, Sie sind das! Moment, ich hole schnell den Geschäftsführer.“ Ich hatte mich zuvor mit einem Anruf beim Markt erkundigt, ob eine Abholung meiner Bestellung mit einem Lastenrad grundsätzlich möglich sei. Dass ich damit einen großen Wirbel veranstalte, hatte ich nicht erwartet. Kurz darauf erscheint ein junger Mann und begrüßt mich herzlich. Nachdem er mir den Weg zur Warenausgabe erklärt hat, schiebt er noch hinterher: „Das ist das erste Mal, dass jemand bei uns mit einem Lastenrad seine Bestellung abholt. Das möchte ich mir gerne mal ansehen.“ Er erläutert mir auch seine Hintergedanken: Vielleicht bestehe mittelfristig die Möglichkeit, dass der Markt selbst ein Angebot an elektrifizierten Cargobikes zum Verleih oder sogar zum Verkauf anbietet. In einer Studentenstadt wie Göttingen sicherlich eine sinnvolle Alternative zum oft nicht vorhandenen Auto.

Zweifel werden schnell ausgeräumt

Die Warenausgabe stellt mich vor eine erste Herausforderung: Eine etwa zwei Meter breite und steile Rampe liegt zwischen mir und meinem Trockner. Ein bisschen Fahrtechnik ist gefragt. Im Hinterkopf meldet sich die zweifelnde Stimme wieder zur Wort: „Du musst mit dem Trockner da wieder runter …“ Doch ich sehe lieber den großen Vorteil: Während ich mit dem Cargobike direkt an den Ausgabeschalter fahren kann, müssen die Autofahrer ihre Bestellungen über die Rampe zum Auto tragen. Eins zu null für den Lastenradler!

Vorausschauend rangiere ich das Packster auf der kleinen Plattform vor der Warenausgabe in Fahrposition. Ein Marktmitarbeiter hilft mir beim Verladen des Trockners. Ich hole ein paar Spanngurte aus meiner Tasche und beginne, den Trockner auf der Ladefläche zu fixieren. Dabei muss ich jedoch aufpassen, dass ich das Lenkgestänge, das unterhalb der Ladefläche verläuft, nicht mit festzurre. Sonst wäre die Fahrt vorbei, bevor sie richtig begonnen hätte. Mit festgeschnalltem Trockner fahre ich vorsichtig die Laderampe hinunter. Ein erster Bremstest zu Beginn gibt mir die nötige Sicherheit und ich erhöhe etwas die Geschwindigkeit. Problemlos meistere ich trotz Mehrgewicht die Rampe. Ungewohnt ist hingegen, dass mir der Trockner die Sicht auf das Vorderrad sowie die Straße direkt vor mir nimmt. Ich muss also besonders vorausschauend fahren.

Und plötzlich steht das Rad

Darum drehe ich noch eine Übungsrunde auf dem Parkplatz, bevor ich mich in den Straßenverkehr stürze. Beim Einschlagen in einer Linkskurve blockiert plötzlich das Hinterrad und ich komme unvermittelt zum Stehen. Ratlos begebe ich mich auf die Suche nach dem Problem. Das Rätsels Lösung ist schnell gefunden: Meine Spanngurtkonstruktion ist so geschickt gebaut, dass einer der Gurte beim starken Einschlagen in Kurven den Bremshebel betätigt. Ich löse die Befestigung, justiere Trockner und Gurte neu. Nach einer weiteren, jetzt problemfreien Testrunde beginne ich meine Liefertour. Ein älterer Herr ruft mir aus seinem SUV noch „Viel Glück!“ hinterher, als ich den Parkplatz verlasse.

Die nett gemeinte Aufmunterung bringt wieder meine Zweifel zutage: Warum mache ich das überhaupt? Ich hätte doch genauso gut eine Online‐Bestellung mit bequemer Lieferung in Auftrag geben können. Ich könnte jetzt natürlich argumentieren, dass mir das Klima am Herzen liegt und ich deshalb lieber das Fahrrad nehme, anstatt auf einen stinkenden Transporter zu setzen. Oder dass die Speditionen und Paketzusteller eh schon überlastet sind und dazu noch schlecht bezahlt werden. Aber was mache ich mir vor? Ich habe einfach Bock drauf und will beweisen, dass man Weiße Ware mit dem Lastenrad transportieren kann. Punkt. Und ich muss nach den ersten Metern sagen: Es funktioniert nicht nur, es macht sogar viel Spaß.

Multifunktionsrad mit ordentlich Power

Der Bosch‐Motor unterstützt sanft und gleichmäßig, der Carbonriemenantrieb von Gates ermöglicht in Kombination mit einer Getriebeschaltung reibungsloses Treten und geschmeidige Schaltvorgänge. „Eigentlich ist Lastenrad die falsche Bezeichnung. Es sollte eher Multifunktionsrad heißen“, denke ich, während ich mit 25 km/h auf dem Radweg Richtung Innenstadt düse. Schließlich kann man mit dem Rad auch den Wocheneinkauf absolvieren oder eine Sitzbank einbauen, wenn die Kleinen in die Kita gebracht werden müssen. Bis zu 100 Kilogramm können die Räder aufnehmen. Für junge Familien eine praktische Mobilitätslösung im urbanen Bereich und auch für Lieferdienste oder für die Paketzustellung auf der berühmten „letzten Meile“ sicher eine Alternative für die Zukunft.

Eine rote Ampel reißt mich aus meinen Gedanken. Ich bremse das Packster vorsichtig ab. Neben mir hält zeitgleich ein Lieferwagen. Die beiden Insassen schauen mich mit offenen Mündern an, bevor sie in schallendes Gelächter ausbrechen. Ich lächle süffisant zurück und kann ihre Vorbehalte nicht nachvollziehen. Wenn ihr Chef ökologischer denken würde als sie, müssen sie vielleicht bald selbst umsatteln … Die Ampel schaltet auf Grün und ich merke den Nachteil meines Transporters: Solange ich mit dem Lastenrad bei höheren Geschwindigkeiten dahinrolle, funktioniert das Fahren problemlos – das Starten und die Fahrt mit niedrigen Geschwindigkeiten erfordern jedoch etwas Gewöhnung. Das Mehrgewicht des Trockners wird vor allem beim Anfahren deutlich spürbar und es bedarf einer gewissen Körperbeherrschung und Kraft, um auf den ersten Metern nicht zu schlingern. Dank des Schubs des Elektromotors nimmt das Rad jedoch schnell wieder Fahrt auf und die Unruhe im Fahrzeug ist wie weggeblasen.

Lkw‐Fahrer sorgt für Lacher

Einige hundert Meter später bin ich derjenige, der sich ein Lachen nicht mehr verkneifen kann. Am Straßenrand steht ein Siebeneinhalbtonner. Das Ungetüm versperrt einen Fahrstreifen der vierspurigen Straße. Als ich mit meinem Trockner das stehende Fahrzeug passiere, holt der Fahrer einen kleinen Karton aus dem ansonsten leeren Lkw und fährt ihn mit einer Sackkarre zur nächsten Haustür. „Effizienz sieht anders aus“, denke ich und radle lachend und kopfschüttelnd weiter.

Mein Weg führt Richtung Universität. Da es ein sonniger Tag ist, wird der Radverkehr zunehmend dichter. Auf dem Göttinger Radschnellweg ist aber genügend Platz, damit ich mich zwischen den einzelnen Radfahrern bewegen kann und selbst kein Hindernis darstelle. An einer Ampel mit hohem Verkehrsaufkommen zwischen Universität und Altstadt muss ich einen weiteren Stopp einlegen. Viele der Studenten würdigen mich mit meinem Gefährt keines Blickes. Es scheint, als ob bei der jüngeren Generation der Transport per Cargobike bereits zum Alltag zählt – selbst wenn es sich um so ungewöhnliche Dinge wie einen Wäschetrockner handelt.

Ältere Passanten staunen

Eine ältere Dame hingegen spricht mich direkt an: „Sie fahren hier aber nicht einen Trockner spazieren?“ – „Doch.“ – „Aber warum?“, fragt sie irritiert. „Weil es geht“, antworte ich und setzte mich wieder in Bewegung. „Und weil es Spaß macht“, rufe ich ihr noch im Fahren zu. Als ich an einem älteren Herrn vorbeifahre, applaudiert er mir und streckt den Daumen nach oben. Ich verlasse die Hauptstraße und schlängle mich durch Nebenstraßen in Richtung meiner Wohnung.

Parkplatz direkt vor der Haustür

An einem kleinen Anstieg kann ich die komplette Stärke des Elektroantriebes ausspielen und überhole mühelos drei Radfahrer, die mir verwundert nachblicken, als sie sich den Berg hinauf quälen. „Geiler Scheiß“, murmle ich und jage im Turbomodus am Goethe‐Institut vorbei. Den letzten Kilometer nach Hause verbringe ich breit grinsend. Es geht leicht bergab und ich kann entspannt dahinrollen. Keine Ampel, wenig Verkehr und zu Hause kein Parkplatzproblem. Ich fahre einfach mit dem Rad direkt vor die Eingangstür. So entfällt auch das mühsame Schleppen des Trockners von der Straße bis zur Tür. Dort aber endet meine Fahrt, da die Treppen ein unüberwindliches Hindernis darstellen. Jetzt ist doch noch ein bisschen Anstrengung angesagt – so ganz ohne körperliche Betätigung scheint so ein Transport dann doch nicht zu gehen.

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