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Kommentar: Lasst Räder leuchten, nicht Städte
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Dienstag, 21. September 2021

Die Lichtverschmutzung ist in deutschen Städten ein großes Problem für die Umwelt. Hell leuchtende Straßenlaternen tragen dazu bei, dass Insekten sterben und Pflanzen ihren natürlichen Rhythmus verlieren. Eine Änderung ist deshalb notwendig – auch, um Radfahrer:innen besser zu schützen. Ein Kommentar von Thomas Geisler.

Im Juni 2016 wurde unter Federführung der Wissenschaftler Fabio Falchi und Pierantonio Cinzano ein Lichtverschmutzungsatlas von Europa präsentiert. Die Daten belegen: Mehr als 99 Prozent der europäischen Bevölkerung leben unter einem lichtverschmutzten Himmel, rund 60 Prozent sehen nicht mehr die Milchstraße. Die Lichtverschmutzung hat seit 2000 sogar stark zugenommen. Die Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt sind verheerend: Viele nachtaktive Tiere wie Insekten oder Amphibien können sich nur langsam oder gar nicht auf künstliches Licht einstellen. Nachtfalter werden beispielsweise von Lichtquellen stark angezogen, wodurch sie ihre primäre Aufgabe, das Bestäuben von Pflanzen, vernachlässigen. Bäume, die in der Nähe von Straßenbeleuchtung stehen, werfen deutlich später ihre Blätter ab, ihr saisonaler Rhythmus ist also gestört.

Straßenbeleuchtung bringt Sicherheit?

Diese Probleme sind bekannt, aber es wird wenig getan, um etwas daran zu ändern. Straßen und Parkanlagen werden hell erleuchtet, Werbetafeln oder Sportanlagen erstrahlen in gleißend hellem Licht, damit der Mensch auch nachts möglichst viel sieht. Straßenbeleuchtung steht dabei schon seit mehr als 200 Jahren in der Kritik. In der Kölnischen Zeitung vom 28. März 1819 wird sie als „verwerflich“ bezeichnet und eine Reihe von Argumenten aufgezählt, die man heute zwar belächeln mag (z. B., dass Straßenbeleuchtung als Eingriff in die Ordnung Gottes erscheint), aber im Kern dennoch die Frage aufwerfen: Warum braucht der Mensch nachts eigentlich eine Beleuchtung? Die Antwort ist schnell gefunden: für seine persönliche Sicherheit! Darin liegt allerdings ein Widerspruch. Die Lösung ist nämlich nicht die großflächige Ausleuchtung des Nachthimmels. Das bringt keine Sicherheit. Bedarfsorientierte Lösungen sind gefragt – denn diese schützen gerade die nächtlichen Verkehrsteilnehmer:innen.

Effektive Systeme installieren, nicht einfach ausleuchten

Die aktuelle Beleuchtung von Fahrrädern ist so hell, dass Radfahrer:innen bei Dunkelheit äußerst gut wahrgenommen werden. Wenn sie allerdings in einer hell erleuchteten Stadt unterwegs sind, wird der Kontrast geringer. Radfahrende werden schlechter erkannt, die Unfallgefahr steigt. Nicht das Licht außenrum ist also wichtig, sondern das Licht am Rad. Und hierfür ist der oder die Radfahrende laut Straßenverkehrszulassungsordnung selbst verantwortlich. Die Kommunen sollten im Gegenzug dazu angehalten werden, auf effizientere Beleuchtungssysteme mit warmen Farbtönen zu setzen. Diese können dazu beitragen, die Sicherheit zu erhöhen und gleichzeitig Tiere und Pflanzen besser zu schützen. Smarte Beleuchtungssysteme, die nur bei Bedarf angehen, sind dabei eine Option – auch weil sie Strom sparen. Weitere Möglichkeiten sind die Verwendung von Reflektoren oder farblichen Hervorhebungen auf der Straßenoberfläche, die auch nachts zu erkennen sind. Die nordfinnische Stadt Oulu setzt beispielsweise auf Hologramme auf dem Radweg, um Verkehrszeichen sichtbarer zu machen. Keine Tiere werden gestört, die Zeichen sind auch auf schneebedeckten Straßen sichtbar.

Dieser Wandel bei der Beleuchtung ist ein wesentlicher Schritt für die Sicherheit von Radfahrer:innen und für die Lebensqualität in den Städten. Aber nicht nur die Kommunen sind gefordert: Jede:r einzelne – vom Restaurantbesitzer über die Einzelhändlerin bis zum Privathaushalt – kann durch effektive Lichtsteuerung und warme Farbtöne dazu beitragen, die Lichtverschmutzung zu minimieren und dadurch nicht nur für Artenschutz, sondern auch für mehr Sicherheit im Straßenverkehr zu sorgen. Man muss sich nur einmal Gedanken darüber machen, dann sieht man auch in der Stadt vielleicht bald wieder den Sternenhimmel.

Thomas Geisler

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