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Hinter den Kulissen: Pedelec-Pauken in Darmstadt
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Dienstag, 22. Februar 2011

Der pressedienst-fahrrad zu Gast bei einer Händlerschulung

[pd-f / cp] Ihre schwarzen, im Licht rot schimmernden Haare sind zu einem ordentlichen Pferdeschwanz gebunden. Sie ist eine von zwei Frauen an einem Männer-dominierten Tisch. „Etiennes Radladen in Bielefeld hab ich Anfang des Jahres übernommen“, erzählt Sibylle Betke und in ihren Augen blitzt es stolz.

Neben ihr sitzt ihr Freund, Michael Dücker. Den gelernten Werkzeugmacher hat die pure Neugier dazu getrieben, Sibylle zu begleiten. Auch er hat einen langen Zopf – allerdings grau meliert. Er trägt eine schwarze Lederweste mit dazu passenden Hosen. Wenn man ihn und Sibylle – ebenfalls ganz in schwarz, allerdings ohne Leder – so sitzen sieht, kann man sich die beiden eher bei einem Motorrad-Festival vorstellen als bei einer Schulung für Fahrradfachhändler. „Oh, für Fahrräder habe ich mich schon als kleines Mädchen interessiert“, erklärt sie kurze Zeit später. „Während mein Opa an seinem Motorrad bastelte, habe ich die Speichen meines Fahrrads geputzt.“ Die Liebe zum Zweirad, ob mit oder ohne Motor, steckt ihr offensichtlich im Blut. „Und wenn Mädchen Interesse an Technik zeigten, dann wurde das auch damals schon gefördert“, sagt die heute 44-Jährige. Ihre Ausbildung zur Zweiradmechanikerin hat sie mit 17 Jahren absolviert. „Seitdem hat sich einiges getan. Als ich anfing, gabs gerade mal die Fünf-Gang-Pentasport-Nabenschaltung und die 12-Gang-Positron-Kettenschaltung. Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich eines Tages Lampen für 139 Euro – also mehr als 200 Mark – verkaufen würde, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt.“ Sibylle lacht herzlich bei diesen Worten.

Hightechbranche Fahrrad

Die Palette der Innovationen in der Fahrradbranche ist in der Tat groß und ebenso ist die Bereitschaft bei den Kunden gestiegen, dafür mehr Geld auszugeben. Besonders in den letzten 20 Jahren hat die Fahrradtechnik große Sprünge gemacht. So ist etwa beim Fahrradlicht in den 90ern die klassische Glühbirne durch den Halogenstrahler ersetzt worden, seit Mitte des neuen Jahrtausends leuchten moderne Fahrradlampen mit LED den Weg der Radler aus. Als neueste Lichtinnovation gilt das Tagfahrlicht fürs Fahrrad von Busch & Müller. Der Seitenläuferdynamo, lange Zeit die Stromquelle für das Fahrradlicht, gehört mittlerweile ins Museum. Die neue Technik sind leichtlaufende, wartungsarme Nabendynamos. Auch die Federgabel setzte sich als Innovation am Fahrrad in den 90ern durch, nicht zuletzt als ein Ergebnis der Mountainbike-Bewegung der 80er Jahre.
1998 erfuhr die 14-Gang-Getriebenabe von Rohloff ihre Markteinführung und sie gilt bis heute als ein Wunderwerk der Fahrradtechnik. Diese Getriebenabe beeindruckte sogar den Motorrad-Fan Michael Dücker nachhaltig, so dass er mittlerweile die Begeisterung seiner Freundin für das Thema Fahrrad nachvollziehen kann. Am stärksten sichtbar ist die Technisierung des Fahrrades jedoch am E-Bike, jenem Fahrrad, das den Radfahrer beim Pedalieren mit elektrischer Motorkraft unterstützt.

Bike & Business 2.0 oder das Hohelied der Elektromobilität

„Was hat sich getan?“, fragt kurze Zeit später auch Jens Wischnewski, Moderator des E-Bike-Händlerseminars von riese und müller. Doch er meint nicht die letzten 20 bis 30 Jahre Fahrradgeschichte, sondern lediglich die vergangene Radsaison. Die Frage richtet sich an die beiden Geschäftsführer Markus Riese und Heiko Müller, die zum Auftakt des Händlerseminars in der Darmstädter Centralstation ein Interview vor den rund 180 Fahrradfachhändlern geben. Die Händler sind aus ganz Deutschland, teilweise aus der Schweiz, angereist, um sich zum Thema Pedelec fortzubilden. „Wir wollen, dass unsere Händler genau wissen, wie die Antriebstechnik an unseren Rädern funktioniert und gewartet wird“, erklärt Tobias Spindler das Anliegen des Radherstellers. Schließlich sollen die Fachhändler die Räder nicht einfach verkaufen, sondern auch professionelle Beratung und ebensolchen Service anbieten, sagt er. Der Marketingmann hält das extra zu diesem Zweck angefertigte „Werkstatthandbuch“ in der Hand, ein Ringbuch, das Aufbau, Funktionsweise und Fehlerbehebung der beiden Antriebssysteme TranzX und BioniX bis ins Detail beschreibt. Beide Motoren werden an den Rädern von riese und müller verbaut. Das „Werkstatthandbuch“ wird den Fahrradhändlern an diesem Tag vorgestellt und überreicht.
Doch was hat sich nun getan im E-Bike-Segment? Heiko Müller spricht von einem Wachstumskurs: 35 Prozent Umsatzsteigerung habe man für 2010 zu verzeichnen. Sowohl im Alltags- als auch im Sportradbereich ließen sich E-Bikes gut verkaufen. Doch Sport und hybrid? Wie passt das zusammen? „Super!“, sagt Heiko Müller beinahe euphorisch. „Die schnellen E-Bikes sprechen junge Leute an, die in ihrer Freizeit sportlich mit dem Rad unterwegs sind und dann auch im Anzug mit dem Rad zur Arbeit fahren wollen, ohne zu schwitzen. Denen ist mit einer Unterstützung bis 25 km/h nicht geholfen. Das ist Bike & Business 2.0.“
Auch hier wird also das Hohelied der Elektromobilität gesungen. Nur dass die Radhersteller schon deutlich weiter sind, als die Automobilindustrie. „Wir hatten vor zehn Jahren das erste E-Bike im Laden stehen“, erinnert sich Sibylle Betke. „Das war allerdings eine Katastrophe und wurde vom Hersteller damals zurückgenommen.“ Sie lacht. Das sehe nun, im Jahre 2011, deutlich anders aus. Die Kinderkrankheiten sind überwunden, die Antriebe ausgereift. Dass es trotzdem noch immer Entwicklungspotential gibt, davon ist Markus Riese überzeugt: „Die Antriebstechnik ist weit voran geschritten und Probleme, die an der Technik gelegentlich noch auftauchen, können nur durch Fahrerfahrungen gefunden und gelöst werden.“ So habe es im vergangenen Jahr etwa ein Problem bei der Rekuperation, also bei der Rückspeisung der Energie beim Bremsen, gegeben, das nach langwierigen Fahrtests und der Umprogrammierung der Software jedoch behoben werden konnte. „Dagegen sind wir nicht gefeit und deshalb legen wir auch großen Wert auf die Zusammenarbeit mit den Händlern“ erklärt Tobias Spindler. Deren Feedback sei eine wichtige Innovationsquelle für den Radhersteller und seine Zulieferer.

Top oder Flop – das E-Bike als flächendeckendes Mobilitätskonzept?

„Das Gewicht ist der Knackpunkt“, sagt Werner Schneider. Ihm gehört der Radladen „Per Pedale“ in Frankfurt am Main. Er sitzt mit vier Fachhändler-Kollegen, drei Männern und einer Frau, auf der Bühne in der Darmstädter Centralstation und diskutiert über den Erfolgsfaktor Hybrid. „Da kommt eine Frau zwischen 50 und 60 Jahren in den Laden, ist selber klein und leicht. Dann hebt sie ein E-Bike an – vorbei“, erzählt er von seinen Erfahrungen im Laden. Seiner Meinung nach werde das Gewicht dieser Räder darüber entscheiden, ob der E-Bike-Boom stagniert oder nicht. Schließlich sei das ja auch das Hauptthema bei den normalen Rädern. Und die Politik sei natürlich gefragt: Juristische Klarheit bei Themen wie Radwegebenutzung, Beleuchtungstechnik und einigem mehr müsse her, wenn sich Pedelecs als flächendeckendes Mobilitätskonzept durchsetzen sollen. Hier müssten die Gesetze, die teilweise noch aus den 1930er Jahren stammten, endlich dem Stand der Technik angepasst werden. Mit dieser Forderung erntet Werner Schneider einhelliges Kopfnicken bei seinen Kollegen, sowohl auf der Bühne als auch im Publikum.
Ronny Deutscher, Eigentümer eines kleinen aber feinen Radladens namens „Rückenwind“ in Leipzig, sieht aber auch Händler und Hersteller in der Pflicht: „Es kann nicht sein, dass Kunden in den Laden kommen und mehr Details über die Motoren wissen als wir selbst. Wir müssen dem Kunden voraus sein, wenn wir glaubwürdig bleiben wollen. Das liegt in unserer Verantwortung.“ Fortbildungen, Händlerschulungen und nun auch das Werkstatthandbuch von riese und müller seien genau der richtige Weg dafür.
Später, als er nicht mehr auf der Bühne sitzt und von etwa 180 Augenpaaren beobachtet wird, sagt er auch, dass die Ausbildung zum Zweiradmechaniker hinterher hinke. „Die reicht einfach nicht mehr aus und müsste eigentlich reformiert werden. Wir achten bei uns im Laden deshalb sehr darauf, die Wissenslücken unserer Azubis in der Werkstatt zu füllen und schicken sie regelmäßig zu Händlerschulungen. Davon gibt es ja jede Menge und man wäre glatt zwei Wochen im Jahr unterwegs, wenn man sie alle wahrnehmen würde.“

Mit Stundenplan durch den Workshop-Marathon

Diese Erfahrung hat auch Sibylle Betke gemacht. „Die Hersteller helfen viel, beantworten alle offenen Fragen und sind sehr interessiert an der Zusammenarbeit mit uns“, sagt sie. Gerade in der Fahrradbranche gebe es so viele junge und innovative Hersteller, die die Händler unterstützten. Die immer diffiziler werdende Technik mache das auch notwendig. Und gerade für sie als Frau seien diese Fortbildungen wichtig: „Denn es geschieht noch immer sehr oft, dass ein Kunde in den Laden kommt und mich als Ansprechpartnerin für seine Fragen gar nicht ernst nimmt. Der fragt dann nach dem Chef und ist recht perplex, wenn ich sage, der stünde vor ihm.“ Deshalb ist sie an diesem Tag nach Darmstadt gekommen: Damit sie die Technik, die in den E-Bikes steckt, bis ins Detail kennt und auf jeden Kunden vorbereitet ist.
Sie wirft einen Blick auf ihren Stundenplan, den sie am Morgen in die Hand gedrückt bekommen hat. „Mechanische Tricks und Kniffe bei hybrid-Rädern“ lautet der Titel des ersten Workshops, den sie an diesem Nachmittag besuchen wird. Insgesamt stehen sechs verschiedene Themenbereiche rund ums E-Bike auf dem Plan, den riese und müller für seine Händlerschulung entworfen hat. So einen Stundenplan hat jeder der Seminarteilnehmer ausgehändigt bekommen. „Damit auch keiner durchrutscht und alle alles mitbekommen“, erklärt Tobias Spindler.

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