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Reportage: Auf die Piste, fertig, los!
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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Eine perfekt präparierte Abfahrtspiste, ein Lift und ein Wochenende voller Spaß: Das erwartete Gunnar Fehlau vom pressedienst-fahrrad, als er mit seinen beiden Söhnen nach Sölden startete. Und die Erwartungen wurden voll erfüllt. Die Drei eroberten den bekannten Skifahrort im Sommer mit ihren Mountainbikes. Die Winter-Hotspots der Alpen bieten nämlich nach der Schneeschmelze viele interessante Attraktionen. Ein Reisetipp für die aktuell anstehende Planung des Sommerurlaubs mit der ganzen Familie.

[pd-f/gf] Spricht man mit leidenschaftlichen Ski-Fahrern und erzählt ihnen, dass man die Berge vermisst und unbedingt mal wieder in die Alpen muss, so haben sie Verständnis. Zügige Anreiserouten, die Preise für Liftpässe und die aktuellen Wetterbedingungen fürs kommende Wochenende sind dann beliebte Gesprächsthemen. So weit, so gut. Ersetzt man Ski gegen Mountainbike, verfliegt jedes Verständnis. So erging es meinen Söhnen und mir, als wir unser Vorhaben im engeren Umfeld verlautbarten. „Wir wollen am Wochenende zur berühmten Flow-Line nach Sölden“, posaunte Oskar lautstark. „Das sind über 130 Kurven auf ca. fünf Kilometern“, ergänzte sein zwei Jahre jüngerer Bruder Moritz und legte eifrig nach: „Wir müssen nicht einmal bergauf fahren, da gibt es einen Lift.“

Auf den Spuren der Skifahrer

Damit ist eigentlich auch alles zur „Teäre-Line“ in Sölden gesagt. Sie übersetzt die Idee des alpinen Skifahrens aufs Mountainbike: Eine perfekt präparierte Abfahrtspiste, die von jedem gemeistert werden kann, kombiniert mit Lift und kulinarischer Infrastruktur fürs Après-Ski. Oder sollte man in diesem Fall lieber „Après-Bike“ sagen? Die Gemeinde Sölden im Ötztal hat diese Idee konsequent umgesetzt und zählt damit zu den Vorreiter-Orten in den Alpen. 2015 wurde die Strecke eröffnet und hat sich seither unter Geländerad-begeisterten Urlaubern einen Namen gemacht. Mittlerweile wirbt die Region Ötztal mit einem Mountainbike-Netz von 850 Kilometern. Dabei waren die Biker vor einigen Jahren noch die schwarzen Schafe und bei Hoteliers und Gastronomen wenig beliebt. Doch jetzt haben sie sich zur touristischen Zukunftshoffnung entwickelt. Die Einschnitte in die Natur und die Investitionen sind ungleich geringer als beim Wintersport und durch den Liftbau größtenteils bereits vor Jahrzehnten erfolgt. Zudem ist Biken als Urlaubsvergnügen, anders als der Skisport, nicht vielerorts von der globalen Erwärmung bedroht. Durch das E-MTB kommt schließlich ein weiterer Impuls hinzu, der das alpine Tourenbiken für Jedermann ermöglicht und sogar dem Bergauffahren neuen Reiz verleiht.

Mit dem Alltagsrad auf den Trail

Aber nun auf nach Sölden. Freitag halb vier hole ich meine Jungs mit gepacktem Auto direkt von der Schule ab. Wir fahren bis Füssen, am nächsten Morgen geht es zeitig weiter. Um zehn stehen wir abfahrtbereit an der Gauslachkogelbahn in Sölden. Oskar und Moritz haben ihre Alltags-Mountainbikes von Felt dabei. Keine Downhill-erprobten Hightech-Sportgeräte, sondern Räder, die auch im Straßenverkehr genutzt werden. Ein Dilemma, vor dem viele Eltern Mountainbike-begeisterter Kinder stehen: Einerseits soll das Rad im Alltag sicher sein und funktionieren, umgekehrt wollen die Kinder Spaß auf dem Trail haben. Ich habe mich deshalb entschieden, mit ein paar einfachen Maßnahmen die Mountainbikes alltagstauglich umzurüsten. Dafür wurden ein Seitenständer und eine Lichtanlage von Busch & Müller inklusive Nabendynamo montiert. Mit dem „Smart Sam“ von Schwalbe fand sich ein Reifen, der einen alltagstauglichen Reflektorring mit einem Profil kombiniert, das moderat geländegängig ist und auf Straßen keinen allzu zu hohen Rollwiderstand hat. Die vollwertigen Schutzbleche sind Dank spezieller Bajonett-Verschlüsse im Handumdrehen abnehmbar. Eine Frage stellt sich mehr dann doch: Schaffen die Alltagsräder auch die Anforderungen der Teäre-Line? Dieser Name kommt übrigens aus dem Ötztaler Dialekt und steht immerhin für eigenwillig, eigensinnig und stur. Deshalb habe ich kurz vor der Abfahrt noch die Reifen gewechselt; jetzt haben die Jungs mit „Hans Dampf“ und „Nobby Nic“ etwas profiliertere MTB-Reifen von Schwalbe an den Bikes. Ich bin gespannt und wage mich selbst mit einem ungefederten Fatbike von Felt auf die Piste.

Der Lift erledigt die Höhenmeter

Am Anfang kommt es mir etwas befremdlich vor, in der Gondel zu sitzen anstatt den Berg „ehrlich“ zu erradeln. Gedanken, die sich Ski-Fahrer kaum machen. Meine Söhne auch nicht. Stattdessen Selfies und Vollversorgung ihrer Freunde per Snapchat. Auf 2.200 Meter über Meereshöhe in der Mittelstation angekommen, genießen wir die Sonne, bevor wir uns zur Einfahrt der Teäre-Line aufmachen. Jetzt erwarten uns die fünf Kilometer Abfahrt mit über 130 Kurven und Hindernissen, verteilt auf 820 Tiefenmeter. Die Route gilt als „mittelschwieriger Trail“ mit Flow-Genuss der Extraklasse. Obwohl sie als für jedermann befahrbar gilt, sollte neben etwas Biketechnik auch auf Schutzausrüstung Wert gelegt werden. Wir tragen unsere Helme von Abus auf dem Kopf sowie moderne, leichte Protektoren aus viskoelastischem Schaum von Fuse an Knien, Scheinbeinen und Ellbogen. Sie erlauben ein ungestörtes Pedalieren und verhärten im Falle eines Sturzes binnen Bruchteilen einer Sekunde. Im Tourenrucksack von Vaude sind neben Getränken und Snacks zusätzlich noch Ersatzschläuche, eine Minipumpe, eine Windjacke, Flickzeug, ein Hüttenschloss, ein Multi-Tool sowie ein Notlicht verstaut – und ein kleines Erste-Hilfe-Set für den Fall des Falles.

Die Söhne geben das Tempo vor

Vor unserem Start treffen wir Joscha Forstreuter. Der ehemalige Pro-Biker hat die 200.000 Euro teure Piste und ihre Linienführung ersonnen und binnen sechs Monaten erbaut. Ehrfürchtig lauschen wir den Tipps des Profis: „Die Teäre hat ideale Bedingungen, um sich für diesen Sport zu begeistern. Auf schwierige Hindernisse wurde bewusst verzichtet, denn Genuss und Spaß stehen im Vordergrund.“ Forstreuter meint, die Kunst sei das richtige Bremsen. Erst mit einem gewissen Schwung fährt sich der Trail richtig gut. Anfänger neigen aber dazu, zu viel zu bremsen, sagt der Trailbauer. Das gilt für meine Söhne nicht. Der Kleinste gibt das Tempo vor: Moritz saust los. Mir wird schwindelig. Nicht von den ersten Kurven, sondern vom Mut des Sohnemanns. Der Flowtrail ist so angelegt, dass Biker jeder Könnensstufe auf ihre Kosten kommen sollen. Einsteiger fahren im gemäßigten Tempo durch Kurven und über Wellen. Experten drücken auf die Tube, „ziehen ab“ auf den Wellen und überspringen die nächste.
Unten angekommen, rollen wir direkt zur Gondel und starten kurz danach für die nächste Abfahrt. Insgesamt fahren wir am Samstag sieben Mal talwärts, pro Abfahrt brauchen wir rund 45 Minuten. Am Abend schmerzen unsere Arme und Beine. Bergab ist anstrengender als man anfangs meinen möchte, denn egal ob anspruchsvoller Singletrack oder flüssiger Genusstrail: Im Gelände braucht der Mountainbikern den ganzen Körper.

Am Sonntag machen wir weiter, wo wir samstags aufgehört haben. Wir schaffen noch vier Durchgänge. Unser Highlight: „Beim Wallride ganz oben an der Holzkante fahren und dann runter ballern“, meint Oskar. Moritz und ich pflichten ihm breit grinsend bei. Die Sorge, dass die Jungs und ihre Räder der Teäre nicht gewachsen wären, erwies sich als unbegründet. Es gab nur einen Sturz. Und den erlitt, ich traue es mich fast nicht zu sagen, der Vater, beim Versuch, seinen Jungs zu folgen.

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