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Fahrradbranche 2022: Zwischen Innovationsvielfalt und Lieferengpässen
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Mittwoch, 25. August 2021

Die Vorzeichen für einen lange anhaltenden Fahrradboom sind aktuell ausgezeichnet. Radfahren bekommt mehr Öffentlichkeit und steigende Verkaufszahlen zeigen die Popularität des Themas in der Bevölkerung. Produktinnovationen und neue Anbieter halten den Markt in Schwung. Aber es gibt auch Schattenseiten. Ein Marktüberblick anlässlich der Leitmesse Eurobike.

(pd‑f/tg) In den nächsten zehn Jahren könnten die Verkaufszahlen in Europa für Fahrräder und E‑Bikes im besten Falle auf bis zu jährlich 40 Millionen Stück ansteigen. Das besagt eine Prognose des Verbandes European Cycling Industries (ECI). Das würde eine Verdopplung der aktuellen Verkaufszahlen bedeuten. Ein Boom, der vor ein paar Jahren noch nicht denkbar war. Ein Grund: die starke Nachfrage nach E‑Bikes. Bereits 2020 hatten in Deutschland fast 40 Prozent der verkauften Räder einen Motor. Expert:innen rechnen damit, dass schon bald jedes zweite verkaufte Rad ein Elektrorad sein wird. Neben den Trekking- und Cityrädern bringt gerade bei Mountainbikes und Cargobikes die Elektrifizierung weiteren Schwung. Innovationen wie das neue E‑MTB „Uproc 6“ von Flyer (ab 6.499 Euro) zeigen, was möglich ist. Ein ausgeklügelter Carbonrahmen mit einem abgestimmten Fahrwerk und unterschiedlichen Laufradgrößen, um auch auf anspruchsvollen Trails bergab wie auch bergauf die nötige Traktion zu haben. Der Akku ist in das Unterrohr komplett integriert, kann aber mit nur wenigen Handgriffen auch entfernt werden, was das Laden vereinfacht. Während diese Art des E‑MTBs rein sportive Fahrer:innen anspricht, schließen die sogenannten SUV-Bikes die Lücke zwischen Sport und Alltag. Ein Beispiel ist das neue „MUC.C.al SUV“ von Messingschlager. Der Tiefeinsteiger ist für die Stadt sowie das leichtere Gelände konzipiert. Auf der einen Seite eine rückenfreundliche Geometrie, Schutzbleche, Gepäckträger und Lichtanlage, auf der anderen Seite stark profilierte Reifen und Federung. Angetrieben wird mit einem Brose-Motor, der Akku ist wahlweise mit 522 oder 630 Wattstunden erhältlich. Die Räder sind nicht direkt verkäuflich, sondern werden als Systemplattform Fahrradherstellern zur Verfügung gestellt. Die Idee: So sollen auch kleinere Hersteller, die weniger Budget für die Entwicklung von E‑Bikes haben, am Trend profitieren können.

Cargobikes stehen für die Verkehrswende

Im urbanen Bereich finden Cargobikes immer mehr Anhänger:innen, da sich die Transporträder sowohl für Firmen als auch Privathaushalte als Autoersatz anbieten. Die Nachfrage sowie das Angebot wachsen dabei stetig. Von zweirädrigen Varianten über dreirädrige Modelle bis hin zu Rädern mit verlängerten Gepäckträgern ist für so gut wie jeden Einsatzzweck und jedes Transportgut ein passendes Rad dabei. Und auch der Zubehörmarkt reagiert darauf: Neben extra Antrieben für Cargobikes gibt es auch spezielle Reifen wie den „Pick Up“ von Schwalbe (39,90 Euro), der speziell auf höhere Belastungen ausgelegt ist. Die Transporträder rollen deshalb mit viel Schwung und Rückenwind aus ihrer Nische in den Massenmarkt. Mit neuen Entwicklungen wird das Radfahren auch für jedermann ermöglicht. So präsentiert beispielsweise der hessische Liegeradspezialist HP Velotechnik zur Eurobike einen innovativen Handantrieb für seine Liegeräder. Mit dem sogenannten „Hand-on-Cycle“-Antrieb (ca. 2.500 Euro) haben Menschen mit Handicap die Möglichkeit, das Fahrrad als Alltagsgefährt zu nutzen.

Adaptionen aus anderen Branchen

Aber auch neue Player bringen mit ihren Innovationen und Gedanken die Radbranche weiter voran. Der norwegische Hersteller Kindernay produziert Getriebe-Nabenschaltungen, die besonders wartungsarm sind und dabei auch eine große Gangübersetzung aufweisen. Vertrieben werden die Produkte in Deutschland über den Distributor Trail.camp, der ebenfalls neu am Markt ist. Die neue Nabe „Kindernay VII“ mit sieben Gängen muss nach der Montage nicht weiter eingestellt werden. Technik, die von ehemaligen Mitarbeiter:innen aus der Automobilbranche entwickelt wurde, wo man ja auch nicht an der Schaltung nachjustieren muss. Autos standen übrigens auch bei einer weiteren Neuentwicklung Pate: Lichtspezialist Busch & Müller zeigt mit dem „Leval“ ein adaptives Kurvenfahrlicht für E‑Bikes (74,90 Euro). Ein spezieller Adapter mit Motor lässt Scheinwerfer so schwenken, dass er Lenkbewegungen ausgleicht. So können Radfahrer:innen in Kurven besser sehen, was die Fahrsicherheit erhöhen soll. Der Adapter ist separat erhältlich. Ideen aus anderen Branchen auf das Rad zu adaptieren ist bereits seit Jahren eine Möglichkeit, die Fahrradbranche technisch weiter voranzubringen. Ein bekanntes Beispiel sind die wartungsarmen Riemenantriebe von Gates, die z. B. an Harley-Davidson-Motorrädern, Waschmaschinen oder Windkraftanlagen zum Einsatz kommen. Mittlerweile sind die Antriebe an vielen unterschiedlichen Rädern zu finden und ein fester Bestandteil speziell im Reise- und Citybereich. Dank neuartigem Riemenspanner kommen sogar vollgefederte Mountainbikes in den Genuss. Diese Innovationskraft und positiven Wachstumsprognosen wecken aktuell auch das Interesse von branchenfremden Investoren, die den Markt sondieren und sich langfristige Investitionsmöglichkeiten erhoffen. Übernahmen und Kooperationen werden in den nächsten Jahren deshalb sicherlich noch zunehmen. So arbeiten im asiatischen Raum bereits seit einigen Jahren Firmen aus der Tech-Industrie an Fahrradlösungen. Und der E‑Bike-Trend wurde in Deutschland gerade durch Firmen wie Bosch oder Brose im wahrsten Sinne des Wortes angetrieben.

Mehr Technik treibt die Preise an

Der höhere Komfort und die stetig weitergehende technische Entwicklung bringen aber höhere Preise mit sich. Und Endverbraucher:innen goutieren diesen Fortschritt beim Fahrrad: Sie sind bereit, mehr Geld für ein Fahrrad oder E‑Bike in die Hand zu nehmen. So haben sich die Durchschnittspreise in Deutschland in den letzten Jahren mehr als verdoppelt, dennoch dürfen Fahrräder nicht zu einem Luxusprodukt werden. Andere Stimmen aus der Branche befürchten hingegen bereits einen ruinösen Preisverfall, der in den nächsten Jahren gerade bei E‑Bikes kommen wird, da die Nachfrage sinken könnte, aber neue Mitbewerber auf den Markt drängen. Günstigere Preise machen das Thema E‑Mobilität in anderen Ländern aber erst interessant. Hier gibt es noch viel Potenzial– auch in Hinblick auf eine europaweite Verkehrswende.

Ohne Style geht es nicht

Damit diese erfolgreich gelingt, braucht es neben Rädern auch passendes Zubehör. Für Pendler:innen ist es beispielsweise wichtig, dass das Gepäck trocken ans Ziel kommt. Taschenspezialist Ortlieb hat mit dem „Vario PS“ (ab 169,95 Euro) eine wasserdichte Tasche im Angebot, die sowohl als Rucksack als auch als Radtasche genutzt werden kann. Funktionalität und Style zu verbinden ist dabei eine der Herausforderungen für die Produktdesigner:innen. Wie es funktionieren kann, zeigt Helmspezialist Abus mit dem neuen „Hud‑y Ace“ (139,95 Euro). Der Stadthelm ähnelt einer Radkappe, bietet aber eine hohe Schutzfunktion und ein herausnehmbares Akku-Rücklicht.

Infrastruktur hängt noch hinterher

Die Innovationsvielfalt ist das eine, aber es gibt noch ein paar Schlaglöcher, die den Radverkehr zurückwerfen. Da ist einerseits die Infrastruktur zu nennen. Die Politik hat es über Jahre versäumt, sichere Rahmenbedingungen für Radfahrende in Form einer flächendeckenden Infrastruktur zu schaffen. Die steigende Zahl an Nutzer:innen bringt Radwege und Straßen vielerorts an die Grenzen. Während erste Städte bereits reagieren, besteht speziell in ländlichen Bereichen noch viel Handlungsbedarf. Das betrifft nicht nur den fließenden, sondern speziell den stehenden Verkehr. Gute Abstellmöglichkeiten für Fahrräder sind rar oder die wenigen bestehenden überfüllt. Wie es in Zukunft funktionieren kann, zeigt ein Konzept des Herstellers WSM in Zusammenarbeit mit der Designagentur Designit. Die Idee: Bestehende Parkplätze werden mit einem modularen System in flexible Mobilitäts-Hubs mit Fahrradabstellplätzen umgebaut.

Auch Fahrradbranche muss nachbessern

Brancheninterne Gründe blockieren die aktuellen Entwicklungen allerdings auch. Längere Lieferzeiten und Warenknappheit im Fahrradhandel, auch bedingt durch die Corona-Pandemie, prägten dieses Jahr. Die Transportkette aus Asien ist anfällig. Hier wird bereits an Lösungen gearbeitet, um Produktion verstärkt nach Europa zu holen. Zudem wurden die Produktionskapazitäten bei vielen Zulieferern erhöht, was die Befürchtung einer Blase aufwirft. Viele Marktteilnehmer können aktuell nicht einschätzen, wie sich die Nachfrage in den kommenden Jahren entwickeln wird. Die Zahlen des ECF stimmen zwar optimistisch, der Verband sagt aber ebenfalls, dass eine schlechtere Entwicklung durchaus möglich ist. Genaue Prognosen aufzustellen sei schwierig.

Außerdem leidet im Fahrradhandel speziell der Werkstatt- und Servicebereich unter einem erheblichen Fachkräftemangel, der in den kommenden Jahren noch zunehmen wird. Die technisch-versierten und ausgereiften Produkte sind allerdings mitunter serviceintensiv und brauchen geschulte Mitarbeiter:innen. Dass Service und Wartung ein gutes, langfristiges Betätigungsfeld auch für Unternehmen sind, zeigt SKS Germany. Das Unternehmen feiert in diesem Jahr den 100. Geburtstag und gilt als einer der größten Hersteller für Radschützer und Luftpumpen. Neue Modelle wie die „Air-X-Plorer Digi 10.0“ (59,99 Euro) mit digitalem Manometer für eine hohe Messgenauigkeit sorgen dafür, damit Radfahrenden und dem Markt auch in Zukunft nicht die Luft ausgeht.

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